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Flipcharts, kahle Meetingräume, Schulungsroutinen. Das ist die Welt, in die Jobcenter den Zuseher führt. Trainees, denen die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben steht, treffen auf Übungsleiter, die ungeachtet eigener Tonlagen stets freundliche Nasenlöcher machen. Ziel eines Jobcenters ist es, seine Klienten für den Arbeitsmarkt zu rüs ten. Dazu gilt es herauszufinden, wie die Menschen ihre Möglichkeiten und Ziele auf diesem Markt einschätzen. Dann wird ihre Performance optimiert.
Fünf Menschen hat die Filmemacherin Angela Summereder in ein Jobcenter begleitet. Darunter den unbedarft wirkenden Landwirtsohn Martin, einen attraktiven Burschen, der lieber grinst als spricht; oder auch die langjährige Kantinenpächterin Sieglinde, die schon habituell signalisiert, dass sie für Unterstützung jeder Art dankbar ist. Mit emotionslosen Bildern, in denen sich der technokratische Charakter des Jobcenters selbst zu wiederholen scheint, folgt Summereder den mechanischen Ritualen dieser Kurse: Die Bedürfnispyramide des Menschen wird da erarbeitet, ein Vorstellungsgespräch simuliert. Die Bilder bleiben kühl beobachtend, selbst dann, wenn die Kursteilnehmer erschreckend devot auftreten, ihre Ansprüche schon vorauseilend nach unten schrauben. Nur manchmal schleichen sich leise Kommentierungen ein, die Skepsis am Geschehen nähren. Etwa dann, wenn die persönlichen Lebensläufe besprochen werden, im Bild statt der Menschen aber nur anonyme Bildschirme zu sehen sind. Bild und Ton formen dann ihre eigene kleine Erzählung.
Was das Jobcenter nicht leistet, ergänzt Summereder: Immer wieder unterbricht sie dessen Abläufe, um in Zwiegesprächen hinter die Zurichtungen zur Erwerbsarbeit zu blicken. Dann verändert sich nicht nur der Tonfall der Porträtierten - sie werden plötzlich greifbar, formulieren glaubhaft -, sondern auch die visuelle Sprache des Films. Zu den Großaufnahmen der Gesichter gesellen sich plötzlich emotionale, metaphorische Bilder wie ein einsamer Weg oder ein verfallenes Haus. Das Jobcenter und sein Anspruch, für «da draußen» zu rüsten, wirkt dem Leben dann fern.
(Gunnar Landsgesell)
Unbegrenzt über die Ressource Zeit verfügen zu können: Nicht nur für den in JOBCENTER eingangs zitierten US-Soziologen Richard Sennett ist das ein fragwürdiges „Privileg“ – erst recht, wenn für all jene, die heute angeblich flexibel und mobil sein sollen, eigentlich kein Handlungsspielraum zur Verfügung steht und „Lebenslauf“ zunehmend Bezeichnung für ein Bewerbungsformular wird. Angela Summereder beobachtet in ihrem Film Menschen, die zu solchen Formularen keine rechte Beziehung haben und also „bewerbungsfit“ gemacht
werden sollen. Dabei stehen sie im Film nicht selten wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand, die weiß ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Eine symptomatische Kluft tut sich auf in den nüchtern abgebildeten Gesprächssituationen von JOBCENTER: Einerseits Erzählungen von Menschen, die nicht selten eher von einem allgemeinen Verstummen und Erstarren zeugen, andererseits Trainingssituationen, in denen auf vorgefertigte Fragen Antworten erkämpft werden, die zwar das jeweils Persönliche nicht aussparen, andererseits aber doch allgemeinen Leistungsprofilen Rechnung tragen sollen. Angela Summereders Film lässt offen, wie aus dieser unseligen Endlosschleife ein Ausweg zu finden wäre. Während in den oberösterreichischen Industrie-Peripherien, die sie auch zeigt, das Prinzip Kreisverkehr dominiert, ist auf den Flipcharts eines Jobcenter-Coachs „Selbstverwirklichung“ der Gipfel einer Pyramide, bei der schon die Basis – „Grundbedürfnisse“ – schwer in Frage gestellt ist. Manchmal blitzt so etwas wie jugendliche Hoffnung auf, dass sich schon noch etwas ergeben wird. Aber es überwiegt die Scham: Über ein Vergehen? Nicht einmal das hat man selbst begangen.
(Claus Philipp)
Was heißt es eigentlich, keine Arbeit zu haben?
Der Film JOBCENTER erzählt von Menschen, die ihren Job verloren haben, wie Helmut oder Sieglinde, die als 50+ Arbeitskräfte am Arbeitsmarkt als unattraktiv und unvermittelbar gelten und von solchen, die auf der anderen Seite, am Anfang ihres Arbeitslebens versuchen, einen Einstieg zu finden, wie Mathias, martin oder Atafa.
Im JOBCENTER, einem AMS-Kurs, werden die einen aufgefangen, die anderen vorbereitet, wie bei einem Mühlrad, einem Kreisverkehr oder einer Drehtür.
Welche Interessen werden hier bedient?
Geht es darum, die Arbeitssuchenden zu unterstützen, ihnen einen Schutz- und Reflexionsraum zu bieten? Oder geht es um Zurichtung, Kontrolle und Machtausübung?
(Produktionsnotiz) |