Online-Katalog / Johannes Holzhausen :

Frauentag
AT / 2008
35 min.

Gleich am Beginn stößt man auf einen Grenzstein, das Relikt aus einer vergangenen Zeit, geformt aus fast unzerstörbarem Granit. Mitten in einem Wald, der im Zwielicht idyllisch erscheint, markiert er den Verlauf einer ansonsten unsichtbaren Trennlinie. Da liegt Bayern, dort Tschechien.

Johannes Holzhausens Film Frauentag ist eine dokumentarische Miniatur, die von diesem Ort ausgeht, um die Verwerfungen der Geschichte an Familien- und Lebenszusammenhängen zu verdeutlichen. Ein geifernder alter Mann. Eine von ihrem Geliebten jäh getrennte Frau. Ein Sohn, der zehn Jahre im Untergrund verschwindet. Das sind die Protagonisten einer Anordnung, in der es um Grenzen geht, die noch dann wirksam sind, wenn sie schon gar nicht mehr gelten - so unverrückbar, als wären sie eben aus Granit.

Vor allem der alte Wenzel hat seine Ressentiments gegenüber den Tschechen nie abgelegt. Er kommt aus dem gleichen Dorf wie Emma, das nach dem Krieg in deutsches Gebiet verlegt werden musste. Sein Nationalstolz ist das Symptom einer verletzten Männlichkeit. Emma, die Frau, in die er einst verliebt war, entschied sich für einen von drüben, für einen Tschechen.

Holzhausen legt Perspektiven auf eine Konstellation frei, in der die Historie die Züge eines Dramas bekommt. Jeder Abschnitt korrigiert das Gesamtbild. Emmas Erinnerungen kennen zum Beispiel keine verbotene Liebe. Sie hat sich über die politische Lage reinen Herzens hinweggesetzt. Für Wenzel dagegen ist die Geschichte eine immer währende Gegenwart. Jeden 15. August, zum Frauentag, belästigt er Emma mit seinen Anrufen. Sohn Herbert, Wehrdienstverweigerer, muss mit Dokumenten einer untergegangenen Ära schließlich beweisen, dass er Deutscher ist. Ironisch wird die Geschichte erst, wenn sie sich wiederholt.

(Dominik Kamalzadeh)


Nach der Vertreibung durch die Tschechen 1946 bauen die zwei jungen Sudetendeutschen Emma und Wenzel mit ihren Familien neue Häuser auf der anderen Seite der Grenze, in Bayern. Diese kleine Siedlung mit Namen Bügellohe liegt mitten im Wald und nur 500 m entfernt von ihrem verlassenen Geburtsort in der Tschechoslowakei. Dort arbeitet inzwischen ein tschechischer Förster, Jan. Emma verliebt sich in Jan und während der Eiserne Vorhang sich zu senken beginnt, wird Emma schwanger.
Wenzel ist eifersüchtig und plant Rache...
Der Sohn von Emma und Jan ist mittlerweile 58 Jahre alt, die Bügellohe verfallen, aber die Geschichten von damals sind bei den Beteiligten noch immer lebendig, wenn auch aus gänzlich unterschiedlichen Perspektiven.

(Produktionsmitteilung)


Alle jahre wieder marschieren im Dorf nahe der tschechischen Grenze zu Mariä Himmelfahrt(im Brauchtum auch Frauentag genannt) Sudetendeutschen-Verbänden auf, um ihre Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Und alle Jahre wieder beschimpft an diesem Tag ein anonymer Anrufer die im tschechischen Václavov/Wenzelsdorf aufgewachsene Sudetendeutsche Emma als "Tschechenhure". Emma hatte Ende der Vierzigerjahre, nach ihrer Vertreibung über die Grenze und kurz vor der militärischen Schließung des Eisernen Vorhangs, ein Kind mit dem tschechischen Förster Jan. Ihr damaliger Dorfnachbar Wenzel empfindet diese Liaison noch heute als Beleidigung seines Nationalstolzes: nicht zuletzt, stellt sich heraus, weil Emma seine eigenen Avancen zurückwies. Stück für Stück schält sich aus den Gesprächen, die Johannes Holzhausen mit Wnezel und Emma führt, ein veritables Melodrama, das die einzelnen Lebensgeschichten in direkten Bezug zur großen Historie der Grenzen und Staatszugehörigkeiten setzt: Wenzels nationalistisches Ressentiment wird überdeutlich als Ventil verletzten männlichen Stolzes lesbar, während Herbert, der Sohn von Emma und Jan, sein ganzes Leben als Antwort auf die verhinderte Liebe seiner Eltern begreift: Weil er sich durch staatlich gesetzte Grenzen nicht einengen lassen wollte, tauchte er für zehn Jahre unter, um den Wehrdienst zu entgehen.

(Joachim Schätz, In: KOLIK 10, 2008)

Ein Film von:
- Johannes Holzhausen

Kategorie:
- Dokumentarfilm

Orig.Spr.:
- Deutsch

Available Prints:
- Digital Betacam PAL

Preis: 140 EUR

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