Am Hauptplatz, im Wald

"Wir warten drauf, dass irgendwas passiert oder a net" sagt die weibliche Teenager- stimme aus dem Off. Sie spricht Dialekt. Bodenständig und sehnsüchtig zugleich. Sie erzählt von öffentlichen Plätzen im Dorf, die sie mit ihren Freunden in ihrer Freizeit besetzt: Dem "Raucherbankerl", dem am Hauptplatz und jenem am Waldrand, dort wo die Cliquen über Ungeheuer und Filme sprechen, zum Playstation Spielen und Vespa Fahren aufbrechen.

"Irgendwie gehören diese Orte uns. Manche waren immer so, sie haben immer uns gehört, unsere Eltern sind früher auch hingegangen." heißt es weiter. Den authentisch holprigen Alltagsschilderungen in Am Hauptplatz, im Wald hat Sofie Thorsen die Präzision ihrer schwarz weißen Zeichnungen gegenübergesetzt. Aus diesem Kontrast erschließt sich eine brüchige Poesie. Eine illustrierte Oral History des Raumes im Speziellen und der Jugendkultur im Allgemeinen.

Auch die im langsamen Tempo einer Diashow aneinander gereihten comicartigen Stills sind in diesem Sinne Überlieferungen. Sie basieren auf Videomaterial, das die Künstlerin während eines Workshops mit den Jugendlichen angefertigt und später auf 35mm Film übertragen hat.

Durch die ästhetische Reduktion des Ausgangsmaterials entwickelt die Regisseurin einen distanzierten Blick. Aus der nüchternen Perspektive einer Außenseiterin gelingt es Sofie Thorsen die komplexe Aneignungs- und Abgrenzungsstrategien der adoleszenten Dorfgemeinschaft über ihre regionale und dokumentarische Struktur hinauszuführen. Die Mädchengeschichte aus einem stark ritualisierten Teenagerleben hallt eindringlich nach: "Andere (Orte) sind nur für die Zeit. Nach einer Weile sind wir nicht mehr dort."
(Petra Erdmann)

Weitere Texte

Am Hauptplatz, im Wald; Interview mit Sofie Thorsen (Interview)

Am Hauptplatz, im Wald. Ein (Film-)Projekt von Sofie Thorsen


Søren Grammel (SG): Der Film "Am Hauptplatz, im Wald", den Du dieses Jahr im Rahmen des Festivals der Regionen gemacht hast, basiert auf 4 Workshops, die Du mit Jugendlichen aus Kleinzell, Rohrbach, Vorderweissenbach und St. Martin i.M. gemacht hast. In den Workshops ging es darum, gemeinsam die Orte zu reflektieren, die die Jugendlichen täglich benutzen: wie eignen sie sich ihre Umgebung an, wie werden Räume genutzt, als eigen behauptet und was für Erzählungen existieren zu diesen Räumen? Wie kam es zu der Entscheidung für das Thema und diese spezifische Arbeitsweise?

Sofie Thorsen (ST): In meiner Arbeit interessieren mich seit längerem dörfliche und suburbane Räume, wie sie aussehen, funktionieren und wie sie durch Modernisierungsprozesse beeinflusst sind, seien das mediale, touristische oder strukturelle Faktoren. Das "Festival der Regionen" hat eine lange Tradition von Projekten mit Ortsbezug. Dazu kommt, dass es dezentral ist, sich also, wie der Titel schon andeutet, über mehrere Regionen erstreckt. Für das Festival bedeutet das, dass es ohne die Einbindung der Vereine und Kulturgruppen in den Regionen gar nicht funktionieren kann. In meiner Arbeit der letzten Jahre ist immer wieder die Figur des Jugendlichen aufgetaucht. Wahrscheinlich habe ich deswegen vermehrt nach dieser Gruppe geschaut, als ich das erste mal im Mühlviertel war und habe den Kontakt gesucht. Mir ist aufgefallen, dass diese Gruppe zwar im öffentlichen Raum sehr präsent ist, zum Beispiel an Orten wie der Bushaltestelle und an Plätzen oder indirekt durch die Posterankündigungen für Feste und Konzerte. Auch sind sie viel mit den Mopeds unterwegs. Gleichzeitig habe ich aber kaum Räume gesehen, die eindeutig für diese Jugendkultur zugeordnet bzw. definiert sind. Generell machen die Ortschaften einen eher konservativen Eindruck auf mich als Besucherin. Ich wollte dem nachgehen, wo sich diese Jugendlichen im öffentlichen Raum bemerkbar machen und welche Räume sie für sich gewinnen und besetzen können, welche Strategien hiermit verbunden sind und welche Bilder und Vorstellungen sich daran knüpfen.

SG: Wie haben die Jugendlichen auf Dein Interesse an ihnen reagiert?

ST: Ich bin natürlich eine totale Aussenseiterin. Wie bei jedem ortsspezifischen Projekt, das nicht in meinem eigenen Kontext stattfindet, bilden zum Beispiel schon die Sprache und der Dialekt eine Hürde. Ich musste einen Weg finden, um überhaupt mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Durch einen Jugendtreff hat sich für mich eine Kontaktmöglichkeit zu Jugendlichen der Altersgruppe 12 bis 16 ergeben. Für das Verhältnis zu den Jugendlichen war es mir auch wichtig, dass die Workshops in deren Freizeit stattfanden, also von Freiwilligkeit geprägt waren. Ich hätte das Projekt deswegen nicht in der Schule machen wollen.

SG: ... und dann habt Ihr einfach drauf los gearbeitet ...

ST: Naja, die Workshops haben immer über zwei Tage stattgefunden. Und am ersten Abend haben wir das Projekt erstmal im Jugendtreff besprochen und Orte ausgesucht, die wir am nächsten Tag besuchen wollten. Die Jugendlichen haben meistens mit Neugierde reagiert. Trotzdem gab es dann auch immer wieder Situationen, in denen die Hälfte der Gruppe irgendetwas anderes gemacht hat, einfach für eine Zeit lang verschwunden waren. Gleich am ersten Abend, nach meiner Vorstellung des Projekts im Jugendtreff waren fast alle verschwunden. Vielleicht hatte ich es zu langweilig erklärt... ich habe sie dann mit den wenigen übriggebliebenen aufgesucht, in einem Gasthaus, wo sie alle manchmal hingehen. Wir haben dort weiter gefilmt. Es hat dann auch sehr gut funktioniert. Bei den Dorfbegehungen waren die Gruppen dann wieder meistens sehr stabil.

SG: Wie sah der persönliche Zeitplan der Jugendlichen selbst aus? Wie ging das mit den Workshops zusammen?

ST: Diese Kids haben einen sehr dichten Alltag; Schule, Lehre, diverse Vereinstätigkeiten, Freizeitjobs... Es ist deswegen schwer, sie für weitere Aktivitäten zu gewinnen. Davor hatten mich zuvor schon mehrere Jugendarbeiter gewarnt. Deswegen mussten die Workshops so strukturiert sein, dass ein Kommen und Gehen möglich war. Das bedeutet, dass der Arbeitsprozeß nicht von einer konstanten Anwesenheit aller Beteiligten abhängig sein durfte.

SG: Interessant finde ich das Verhältnis zwischen dem Entstehungsprozeß des Projektes und der letztlich gewählten Form und Länge des Films. Während die Arbeit mit den Jugendlichen über mehrere Monate dauerte und sich dabei Unmengen an Videomaterial akkumulierten, ist das Produkt ein Kurzfilm von etwa 8 Minuten geworden, der als Vorfilm im lokalen Kino gespielt wurde. Du hast also das Material aus den Workshops am Schluß stark konzentriert. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Hat sie mit dem Prozess selbst zu tun bzw. konterkariert sie nicht den kollaborativen Aspekt des workshop-basierten Ansatzes?

ST: Du gehst nur von einem Teil des Projektes aus. Aber "Am Hauptplatz, im Wald" besteht eigentlich aus drei Teilen, obwohl das zentrale Produkt sicher der von Dir eben angesprochene Vorfilm ist. Dazu kommen zum einen die Posterserie mit Stills aus dem Film, die in der Gegend plakatiert wurde, und zum anderen ein "Making-of" mit Videomaterial aus den Workshops. Das Making-of lief in der Festival-Lounge, im "Kikas" in Aigen. Es war wichtig, um den Ursprung des Materials sichtbar zu machen und damit auch zu verorten. Trotzdem, es stimmt, ich sehe das Projekt nicht als kollaboratives Projekt. Die Workshops stellen gemeinsame Recherchen dar und man kann sie wahrscheinlich als kollaborativ bezeichnen. Aber für die künstlerische Arbeit bleibe trotzdem ich zuständig. Mein Ziel war es, eine Arbeit zu entwickeln, die einen eindeutigen Ortsbezug hat, die auch in der Struktur des Festivals funktioniert, die aber über den Kontext des Mühlviertels hinausreicht um dabei das Thema des Sich-Aneignens und Erkämpfens von Orten durch bestimmte Gruppen vom konkreten Ort abzulösen und allgemeiner zu erfassen.

SG: Dies scheint sich auch auf der formalen Ebene des Films zu konkretisieren: Visuell beschränkt er sich auf eine Reihe schwarz-weiß gehaltener, nicht animierter Zeichnungen, die wie in einer Diaschau hintereinander geschnitten sind und die einzelnen Stills des in den Workshops entstandenen Videomaterials entnommen sind. Das heißt, Du hast bewußt Abstand von der dokumentarischen Qualität Deines Ausgangsmateriales genommen. Das gleiche passiert auf der Tonebene. Aus den zahlreichen Gesprächen und Erzählungen der Jugendlichen hast Du einen Text editiert, der von einem der beteiligten Mädchen gelesen wird. Der ruhige Fluß der Stimme beim Lesen kontrastiert stark mit dem Ausgangsmaterial, in dem meist entweder zu laut oder zu leise, aufgeregt oder betont lässig geredet oder manchmal auch geschrien wird. Wie bei der visuellen Ebene des Films hast Du auch hier die ästhetische Reduktion des Materials als Strategie gewählt, und dabei die Realität des Mühlviertels mehr als Materiallieferant eingesetzt.

ST: Dazu muß ich ein wenig ausholen: Am Beginn des Projektes standen zwei Themen im Raum. Erstens das Interesse für Jugendkultur auf dem Land und wie sie sich verräumlicht. Zweitens hat es mich interessiert, wie diese Jugendkultur in Beziehung zu einer medialen und nicht lokalen Jugendkultur steht. So wollte ich von Anfang an die Situation der Workshops verwenden, um ein Projekt zu entwickeln, das über reines Erzählen und die konkrete Situation hinausgeht. Relativ früh waren der Ort des Kinos und die Produktion eines Vorfilms als Formate klar. Aber welche Art von Geschichte sich daraus genau entwickeln würde blieb lange offen. Ich wusste nicht, was genau in den Workshops passieren würde und ich hatte keine bestimmten Erwartungen in Bezug auf die Begegnung mit den Jugendlichen. Aber ich wusste, dass ich keinen Film bzw. kein Projekt über den Ort Mühlviertel und die Jugendlichen machen wollte. Auch sollte es kein Film mit den Jugendlichen als Interpreten oder Darsteller werden. Viel mehr sind die Jugendlichen Experten, die mich durch ihre Räume geführt haben und mir Einblick in eine Reihe bestimmter Situationen erlaubt haben. Die Erzählungen über diese Räume und Situationen habe ich auf eine modellhafte Ebene zu bringen versucht. Eine Ebene, auf der die Orte und Situationen auch woanders gefunden werden könnten. Hier wird die Reduktion, wie du es nennst, wichtig, denn sie dient diesem Zweck. Grade weil das Projekt für einen bestimmten Kontext produziert wurde, habe ich versucht, ein Format zu entwickeln, das mit dem Ort zwar stark verbunden ist, sich zugleich aber auch davon löst. In diesem Dazwischen liegt für mich der Punkt, wo es erst spannend wird.

SG: Wie Du es ausdrückst, die Jugendlichen als "Experten" zu sehen, erinnert mich an die Arbeit "The Golden Castle that hung in the Air", die du diesen Sommer im Rahmen eines Warschau-Aufenthaltes für "Raster" realisiert hast. Es geht um eine Gated-Community in Warschau. Die Wächter und ein Manager werden während Deiner Besuche in dieser Wohnanlage ebenfalls von Dir zu Experten gemacht, unfreiwillig, wie es häufig scheint. Zwar lassen sie sich anfangs immer auf Deine Fragen ein, aber schnell führen die Dialoge mit ihnen zu Punkten, an denen die möglichen Antworten mit ihren beruflichen Pflichten kollidieren könnten. Immer wenn es beginnt, interessant zu werden, prallst Du an ihnen ab. Man erfährt dadurch, wie so eine Gated-Community funktioniert, weil selbst die Dialoge nicht der fortifikatorischen Struktur der Community entfliehen können. Die Strategie der Exklusion setzt sich im Gespräch fort. Wie bei "Am Hauptplatz, im Wald" übersetzt Du die Abbildungen des Ortes in Bleistiftzeichnungen. Zudem arbeitest Du mit den Gesprächen als gedrucktem Text, entziehst also auch hier dem Material seine dokumentarischen und authentischen Qualitäten. Du ersetzt sie durch modellhafte Darstellungen. Was ist für dich die spezifische Qualität dieser Art des "Erzählens"?

ST: Beide Projekte unterscheiden sich in gewissen Punkten sehr. In "The Golden Castle that hung in the Air" wurde das im Recherchenprozeß durch Interviews und Gespräche gewonnene Material stark stilisiert. Auch die s/w-Grafiken sind stärker stilisiert als in "Am Hauptplatz, im Wald". Die Recherche ist auf Modellebene abgebildet. Auch die Figuren: Die Künstlerin bin nicht ich, sondern „the artist", der Security-Mann hat keinen Namen, sondern ist einfach „the guard". Über diese Reduzierung komme ich näher an den Punkt, der mich interessiert. Es geht mir da nicht um einen bestimmten Ort, eine bestimmte Gated Community. Auch in „Am Hauptplatz, im Wald" geht es mir nur zum Teil um die konkreten Orte. Das Raucherbankerl in St. Martin ist nicht spannender als andere "Bankerln" in anderen Dörfern. Gleichzeitig ist das Raucherbankerl wieder spannend genug, um eine Geschichte darüber oder damit zu erzählen. Mich interessiert die Geschichte über das Bankerl als inoffiziellem aber tolerierten Freiraum für die Jugendlichen im Ort.

SG: Welche Rolle nimmt Zeichnen in Deiner Arbeit ein? Es scheint Dir dabei ja nicht um eine Auseinandersetzung mit Zeichnen selbst zu gehen.

ST: Ich interessiere mich für die Zeichnung als beschreibendes Format, als ein Medium, das sowohl Informationsgrafik, Notiz, Skizze und reine Fiktion sein kann. Ich wollte eine Serie von Bildern produzieren, die irgendwo im Raum zwischen erkennbarer Wirklichkeitsabbildung und möglicherweise fiktiven Andeutungen hinsichtlich einer Narration stehen. Dies wird durch die Wahl des Mediums Film und durch das 16:9 Bildformat noch unterstützt. Der Film ist ja auf 35mm gemacht und wird im Kino gezeigt.

SG: Du meinst, durch das Filmformat und den Vorführungskontext des Kinos wird die Lesweise der Zeichnungen um diese Ebene bereichert? Das finde ich interessant, weil ich mich als erstes gefragt hatte, warum Du Zeichnungen auf ein 35mm Format überträgst.

ST: Das Projekt hatte auch lange den Arbeitstitel „Wie im Film": Jung-Sein auf dem Land, Langeweile, Identitätsproduktion in eher konservativen, aber in jedem Fall homogeneren Gesellschaftsstrukturen... das ist ein wiederkehrendes Thema im Kino. Von "The wild One" mit Marlon Brando bis Lukas Moodysons "Raus aus Åmål". So dachte ich, dass das Format Film in den Workshops ein Ausgangspunkt sein kann, sowohl für das Nachdenken über die Orte als auch als Referenzpunkt im Endprodukt.

SG: Das heißt, Du nutzt die modellhafte Darstellungsweise nicht, um die Inhalte Deiner Recherche zu didaktisieren, als würdest Du sagen, seht her, so ist das und so sieht das aus. Sondern um sie im Gegenteil für fiktive Projektionen zu öffnen, für erzählerische Momente und eine fast filmisch-emotionale Ästhetik?

ST: Zugleich beschreiben meine Arbeiten fast immer aus der Distanz. Es gibt selten Charaktere. Das "Persönliche" oder das "Subjektive" interessiert mich nicht. Ich bewege mich nur sehr ungern in den privaten Raum. Und wenn es passiert, sorge ich dafür, dass ich wieder rauskomme und dass diese Räume oder Erzählungen in der Arbeit später eben nicht mehr privat sind, das heißt, nicht mehr erkennbar und spezifisch sind.



Sofie Thorsen ist Künstlerin und lebt in Wien. 2005 hat sie den Film "Am Hauptplatz, im Wald" als Beitrag zum "Festival der Regionen" realisiert. Søren Grammel ist Kurator und Leiter des Grazer Kunstvereins.
Orig. Titel
Am Hauptplatz, im Wald
Jahr
2005
Land
Österreich
Länge
6 min 30 sek
Kategorie
Avantgarde/Kunst
Orig. Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Credits
Regie
Sofie Thorsen
Konzept
Sofie Thorsen
Verfügbare Formate
Digital File (prores, h264) (Distributionskopie)
Bildformat
4:3
Tonformat
Stereo
Bildfrequenz
25 fps
Farbformat
s/w
35 mm (Distributionskopie)
Bildformat
1:1,37
Tonformat
Stereo
Bildfrequenz
24 fps
Farbformat
s/w
Digital File (prores, h264) (Distributionskopie)
Bildformat
16:9
Tonformat
Stereo
Bildfrequenz
25 fps
Farbformat
s/w
Festivals (Auswahl)
2006
Linz - Crossing Europe Film Festival (Local Artists - Spezialerwähnung der Jury.)
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films
Hamburg - Int. Kurzfilm-Festival & No Budget
Neubrandenburg - dokumentART
Winterthur - Kurzfilmtage
Kassel - Dokumentarfilm- & Videofest
San Diego Women's Film Festival
Regensburg - Kurzfilmwoche