Online-Katalog / Joerg Burger :

Un solo colore
AT / 2016
80 min.

"Ich suche Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung", steht in arabischer Schrift auf dem Schiff, das zu Filmbeginn schief im Hafen lehnt. Was heißt Zuflucht? Rettung des nackten Lebens vor Verfolgung und dem Tod im Mittelmeer? Eine korrekte Unterbringung, Erfassung und Ermittlung der Asylansprüche? Im kalabrischen Hinterland haben Giusi und Rosario einen "Ort der Ankunft" eingerichtet, der über Minimalverpflichtungen hinausgeht: Statt in einem zentralisierten Auffanglager werden derzeit 76 Asylwerbende in den vielen leerstehenden Wohnungen des Dorfs Camini untergebracht. Statt ihre Zeit mit Warten zu fristen, können die Angekommenen im Rahmen des Projekts in der brachliegenden örtlichen Agrarwirtschaft mitarbeiten.

Joerg Burger erkundet diese Verschränkung von humanitärer Hilfe und Ortsbelebung mit Neugier und unsentimentalem Respekt vor allen Involvierten. In den gespenstisch stillen Gassen und verfallenen Hausfronten von Camini findet er Spuren einer Kontinuität von Migrationsbewegungen: In der Nachkriegszeit setzte die Wirtschaftsflucht weg aus dem armen italienischen Süden nach Turin, Deutschland, Argentinien ein. Damals bekannte Begleiterscheinungen wie Auswanderer-Depression und Magengeschwür sind älteren Einwohnern noch bekannt. Von ähnlichen Symptomen bei den neuen Gästen ist später im Einschulungsgespräch einer Projektmitarbeiterin die Rede.

Vor allem aber entwickelt Un solo colore am Best-Practice-Beispiel von Camini einige triftige Fragen zur Aufnahmepolitik Europas, die über die Notwendigkeiten schieren Überlebens hinausgehen. Neben dem projektleitenden Paar kommen vor allem die Asylwerbenden selbst zu Wort – nicht als dankbare Kinder, sondern als Subjekte, von denen bei aller ausdrücklichen Wertschätzung viele morgen lieber anderswo wären als zwischen den hohen Steinmauern des Dorfs. Reicht eine, irgendeine Tätigkeit für ein Leben in Würde? Lässt sich das Modell von Camini und anderen kalabrischen Dörfern in weniger strukturschwache Regionen übertragen? Und wie viel struktureller Paternalismus ist noch in der Augenhöhe-Administration dieses Projekts vorhanden?

Burger wechselt zwischen Interviewsituationen und Passagen der Beobachtung, die nicht nur auf Kommentar, sondern auch auf Untertitelung des Gesprochenen verzichten: Aufnahmen eines freundlichen Zusammenlebens und arbeitens, das aber die opake Dichte von Alltag behält, anstatt zum Idyll abstrahiert zu werden. Die deutliche gesetzte Kadrierung der Bilder, oft in Überblickstotalen, verweist auch auf die notwendig engen Ränder dieses einzelnen Projekts. (Joachim Schätz)

15 Kilometer trennen das Ionische Meer von der kleinen Gemeinde Camini, die sich auf den ersten Blick nicht von zahlreichen anderen, völlig aus der Zeit gefallenen Dörfern in der Provinz Reggio di Calabria im Süden Italiens unterscheidet. Doch Camini ist anders als der Rest des Landes, anders als der Rest des Kontinents. Während die Europäische Gemeinschaft über eine menschenwürdige Unterbringung der zur Migration gezwungenen Menschen tatenlos diskutiert, sieht man in Camini die Aufnahme von Migranten als Chance. (Joerg Burger)

Ein Film von:
- Joerg Burger

Kategorie:
- Dokumentarfilm

Orig.Spr.:
- Italienisch

Available Prints:
- DCP 2K

Preis: 300,00 EUR

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