Was uns bindet

Was einen – im Guten wie im Schlechten – tatsächlich noch an die Herkunftsfamilie bindet, das merkt man erst, wenn es an die Substanz geht: das Erbe. Die in Berlin lebende Filmemacherin Ivette Löcker besucht ihre Eltern in den Salzburger Bergen – der Vater hat ihr und der Schwester ein baufälliges Bauernhaus überschrieben, die dritte Schwester bekommt das Elternhaus. Das Erbe soll begutachtet werden. Ein Vorgang, der in der einen oder anderen Weise wohl jede Familie betrifft. Der Filmemacherin raubt er zunächst schier die Luft, sie leidet unter Atemnot und Verspannungen. Die Anfangssequenz zeigt ihr Gesicht eingezwängt in das Kopfteil einer Massageliege. Und während die Geschwister, von denen eine nur per Skype anwesend ist, sich noch darüber klarzuwerden versuchen, wie dieses Erbe in ihre eigenen, konträren Lebensentwürfe passen soll, wird offenbar, dass die Eltern seit Jahren getrennt leben: Der Vater hat sich im Keller eine karge Bleibe eingerichtet, die Mutter lebt in den Wohnräumen. In einer bezeichnenden Szene steigt der Vater nach oben und bittet seine Frau förmlich, ihm ein paar Würstel zu kochen. Stichelnd, vorwurfsvoll reden die beiden mit- und übereinander – und strahlen doch eine seltsame Verbundenheit aus.

Behutsam und taktvoll nimmt Ivette Löcker das Beziehungsgefüge ihrer Familie auseinander – und erzählt nebenbei von einer ganzen Generation gut ausgebildeter Landkinder, die es einmal besser haben sollten als die Eltern und nun in zwei oft unvereinbaren Welten leben. Es ist bedrückend, wenn sich in den Gesprächen die Reue über vertane Chancen, die Trauer über nicht erfüllte Erwartungen Bahn bricht. Zugleich machen kleine, vertraute Szenen immer wieder schmunzeln, etwa, wenn die Weltsichten der beiden Generationen aufeinanderprallen. Am Ende ist es befreiend und fast beglückend zu sehen, was diese Familie tatsächlich bindet: Das neu erwachende Interesse aneinander und der Versuch, einander trotz aller Unterschiedlichkeit zu verstehen. (Andrea Heinz)


Gerade als ich geglaubt habe, endlich mit meinen Gefühlen für meine Eltern und meine Herkunft im Reinen zu sein, vererbt mir mein Vater zur Hälfte sein altes, baufälliges Bauernhaus. Seither lastet das Erbe wie ein Felsbrocken auf mir. Ich leide unter Atemnot. Ich merke: Die Auseinandersetzung mit meiner Familie beginnt erst jetzt. (Ivette Löcker)

Weitere Texte

"Was uns bindet": Zurück in der zwiespältigen Heimat, von Dominik Kalmazadeh, Der Standard, 02.12.2017 (Artikel)

Ein schonungslos offener Blick auf die eigenen Eltern: Ivette Löckers Dokumentarfilm fragt, was einen mit der Herkunft verbindet und was Generationen voneinander trennt. Ein Gespräch

Wien – Hinter der Holzvertäfelung des Zimmers wuchert der Schimmel. Der Vater will es zuerst nicht recht glauben, dass hier alles kaputt sein soll. Er relativiert die Warnungen des Baumeisters, wie gesundheitsgefährdend der Schimmel sei, und druckst ein bisschen herum. Doch der Experte zeigt sich bestimmt in seinen Diagnosen: Halbherzige Lösungen wie bei dieser Renovierung würden sich nicht lohnen. Da zahlt man am Ende unter Garantie drauf.

Die in ihrer Anhäufung von Elend auch komische Szene bringt Ivette Löckers Dokumentarfilm Was uns bindet auf den Punkt. Denn halbherzig, könnte man sagen, ist bei ihren Eltern auch das eheliche Arrangement. Schon vor vielen Jahren haben sie sich auseinandergelebt und getrennt. Doch sie haben sich nicht weit voneinander niedergelassen. Die Mutter bewohnt immer noch den ersten Stock des Hauses im Salzburger Lungau, der Vater lebt in den kargen Erdgeschoßräumen darunter. Hin und wieder treffen sie sich auf einen Kaffee. Meist aber geht man sich aus dem Weg.

Löcker, die schon lange in Berlin lebt, ist für Was uns bindet zu ihren Eltern zurückgekehrt. "Um die Distanz zu finden, ihnen auf vorurteilsfreie Weise entgegenzutreten", erzählt die 1970 geborene Filmemacherin im Standard-Gespräch, "brauchte es das Alter. Und die Kamera, die für mich wie ein Schutzschild war und auch Objektivierung gebracht hat. Dadurch habe ich die beiden in der Rolle von Protagonisten sehen können. Ich konnte dann besser abstrahieren: Das ist ein altes Paar, das auf bestimmte Weise miteinander umgeht."

Doch es ist keine abgedichtete Beobachtung, die Was uns bindet zu einem außergewöhnlich intimen Dokumentarfilm macht, sondern Löckers eigene Perspektive. Die ist empathisch, ja voller Liebe, ohne die Zwiespältigkeit der Situation zu übersehen – die Unzulänglichkeiten und Versäumnisse ihrer Eltern, ihren Selbstbetrug.

"Es ist auch ein Film, der von verpassten Chancen erzählt", sagt Löcker über die darin spürbare Melancholie. "Von Anfang an habe ich mir allerdings vorgenommen, dass der Film etwas Tragikomisches haben muss. Es war eine Herausforderung, dann nach dieser Haltung zu suchen und den Humor in den alltäglichen Situationen zu finden."

Die Falle des Eigenheims

Im aufrichtigen Blick auf das Private offenbart sich auch ein größeres gesellschaftliches Streben. Das Ideal der Elterngeneration lautete noch, aus eigener Kraft ein Eigenheim finanzieren zu können. Dass dies immer noch als Narrativ aus besseren Zeiten gilt und so auch vermittelt wird, konnte man im letzten Wahlkampf wieder erleben. Bei Löcker wird das Eigentumsdenken jedoch als mögliche Falle enttarnt, die individuelle Freiheiten beschneidet: Was uns bindet – den Titel muss man unbedingt als Hinweis auf die Bürde eines Besitzes verstehen, der eigene Faktizität schafft und Menschen gelehrt hat, das eigene Glücksstreben hintanzustellen.

Löcker kann dies nur bestätigen – als Kind habe sie beispielsweise darunter gelitten, dass ganze Urlaube geopfert werden mussten, weil das Geld schon in die Kreditabzahlung floss. Die Frage nach dem Erbe sei auch einer der Ausgangspunkte des Films gewesen. In einer Szene kann man nun sehen, wie enttäuscht der Vater darüber ist, dass sich die Töchter über den Besitz nicht ausgelassen freuen. "Es bedeutet für uns nicht dasselbe wie für ihn. Rational kann er das nachvollziehen, emotional aber nicht." Es gebe zu viele Eltern, die inzwischen in einem zu großen Haus leben.

Ist Löckers Blick zurück auf die Eltern auch die Überprüfung ihrer Entscheidung für ein ganz anderes Leben? Die Filmemacherin zögert zunächst bei der Antwort: "Vielleicht geht damit auch eine gewisse Wurzellosigkeit einher, und eine Ahnung davon war wohl auch eine Motivation für den Film. Was habe ich mit dem Lungau zu tun, wie hat er mich geprägt – die ganze Frage der Heimat."

Und weiß sie nun, wo diese für sie liegt? "Ich finde, es gibt keine eindeutige Lösung. Es ist jedenfalls kein geografischer Ort. Das Gefühl von Heimat habe ich vor allem, wenn ich meine Eltern besuche."

(Dominik Kalmazadeh, Der Standard, 02.12.2017)

"Was uns bindet": Pensionisten­hölle im Ehegefängnis , von Alexandra Seibel, Kurier, 30.11.2017 (Artikel)

Ivette Löckers entwaffnendes Familienporträt zwischen Schmerz und Komik.

Man kennt das aus David Lynchs "Blue Velvet": In romantischer Zeitlupe entfaltet sich das beschauliche Leben in einem ländlichen Vorort. Gartenschlauchidylle und Blumenbeetpoesie. Doch wenn man genauer hinschaut, gähnen hinter die Abgründe hinter den Fassaden.

Ivette Löcker beginnt ihre umwerfende Doku über den Ort ihrer Kindheit mit ähnlich lyrischen Bildern: Bei strahlendem Sonnenschein mähen ihre Elten den Rasen und schneiden blühende Blumen. Doch kaum sitzen die Alten gemeinsam am Familientisch, bricht der offene Hass aus. Löckers Eltern bewohnen zwar ein freundliches Haus – doch was zuerst nach Rentnerglück aussieht, entpuppt sich bald als Pensionistenhölle im Ehegefängnis.

Was es bedeutet, dorthin zurück zu kehren und ein halbes Bauernhaus (mit Schimmel an der Wand) zu erben, erzählt die im Lungau geborene und in Berlin ansässige Regisseurin mit entwaffnender Schonungslosigkeit. Schmerzhafte Nähe und unüberwindliche Distanzen vermischen sich in ihrer Familienaufstellung zum vielgliedrigen Gefühlsgeflecht zwischen Komik und Trauer.

(Alexandra Seibel, Kurier, 30.11.2017)

Familienangelegenheiten, von Susanne Veil, Wiener Zeitung, 30.11.2017 (Kritik)

Das Erben an sich bedeutet immer eine Art Abrechnung mit der eigenen Familie. Weil dieses Thema zutiefst persönlich ist, geht die Dokumentarfilmerin Ivette Löcker es in "Was uns bindet" auch genauso an. Sie wagt sich an das eigene Familienporträt: Die Eltern haben ihr und ihren beiden Schwestern ein altes Bauernhaus vermacht. Dieses Haus soll die drei Töchter wieder näher ans Salzburger Lungau binden. So haben sich Vater und Mutter das zumindest gedacht. Tatsächlich zwingt das Erbe des Elternhauses Löcker dazu, sich wieder mit Daheim auseinanderzusetzen, denn dort sind die Dinge kompliziert. Ihre Eltern leben zwar gemeinsam unter einem Dach und sind doch nicht mehr zusammen. Seit fast zwanzig Jahren getrennt, sind sie sich noch nahe genug, um immer wieder alte Wunden aufzureißen. Die beiden haben sich nie scheiden lassen, weil auch sie auf eine Art aneinander gebunden sind.

Löcker geht diesem für alle schmerzhaften "Arrangement" auf den Grund und schonungslos offen auf ihre Eltern zu. Ein Jahr lang hat sie beide begleitet und wirft dabei Fragen auf, die uns alle betreffen: Warum ist es in der Familie so schwierig, wirklich miteinander zu reden? Was bindet uns aneinander? Wie können wir uns davon befreien? Löcker gelingt ein liebevoller und gleichzeitig bedrückender Blick auf ihre Familie. Denn es geht auch um die verpasste Chance, sich von dem zu lösen, was einen fesselt. Weil sich darin jeder und jede widererkennen kann, lädt der Film zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familie ein und dazu, es besser zu machen.

(Susanne Veil, Wiener Zeitung, 30.11.2017)

Was uns bindet. Beklemmendes, sehr persönliches Familienporträt und Sittenbild, von Angela Sirch, Ray Filmmagazin Online (Kritik)

Seit fast 50 Jahren sind Irene und Werner Löcker, die Eltern der Regisseurin, verheiratet. Sie leben gemeinsam und doch getrennt in ihrem Haus in St. Michael im Lungau. Er bewohnt das untere Stockwerk, sie das obere. Seit 18 Jahren haben die beiden dieses Arrangement, und als Werner Löcker beschließt, seinen Töchtern das alte, halb verfallene Bauernhaus zu vererben, bringt es die Familie wieder zusammen an den Ort, an dem die Kinder groß geworden sind und die Ehe, die nach wie vor auf dem Papier besteht, in die Brüche ging. Ivette Löcker stellt Fragen, nach den elterlichen Gemeinsamkeiten, ob es diese überhaupt noch gibt, und zeigt Irene und Werner Löcker in ihren ganz persönlichen Eigenheiten. Der Vater, der trotz seiner kaputten Knie ständig auf Achse ist und allen in seinem Umfeld glaubt erklären zu müssen, was sie wirklich brauchen. Die Mutter, die ihren Garten, das Kochen und die Hündin Daisy liebt und immer wieder in Selbstmitleid verfällt, wenn sie sich vor Augen hält, dass ihre Kinder alle aus der Heimat weggezogen sind.

Löcker zeichnet ein filmisches Familienporträt, vielleicht vordergründig aus dem Wunsch heraus, die Familienverhältnisse tiefgreifender aufzuarbeiten. Doch die Regisseurin präsentiert mit diesem sehr persönlichen Film gleichzeitig auch ein Sittenbild des Lebens auf dem Land und einer ganzen Generation. Die Paar-Konstellation, auf die man bei Irene und Werner Löcker trifft, ist den meisten von uns vermutlich schon öfter begegnet: Man heiratet jung, die Frau hat kaum Ausbildung und zieht sich in den Haushalt zurück, egal ob gewollt oder nicht, der Mann arbeitet und sieht sich selbst immer wieder in der Rolle bestätigt, derjenige zu sein, der die Entscheidungen zu treffen hat. Man baut ein Haus, begleitet von Schulden, gründet eine Familie, und irgendwann stellt man fest, dass man sich nichts mehr zu sagen hat – und wenn doch, dann ist es nichts Nettes.

Es ist die ewige Geschichte von vorgefertigten Rollenverteilungen und Lebensplänen. Man könnte sich doch trennen? Vielleicht könnte man sogar jemand Neuen kennen lernen, mit dem man den Lebensabend genießt? Doch stattdessen zankt man sich und überlegt, wie man beerdigt werden möchte. Sei es die Angst gegen den gesellschaftlich akzeptierten und von fast allen praktizierten Lebenswandel zu verstoßen oder die Angst vor dem Alleinsein, der Zuschauer verfolgt eine Verbindung zweier Menschen, die in vielen Momenten beklemmend ist, aber auch zur Reflexion der eigenen Beziehungskonstrukte animiert.

Gemeinsam getrennt im Elternhaus, von Andrey Arnold, Die Presse, 01.12.2017 (Artikel)

„Was uns bindet“, das berührende Porträt einer Familie aus dem Lungau.

Ein ländliches Wohnhaus im Dunkeln. Licht und Fernsehgeräusche dringen durchs Kellerfenster. Einen Stock höher: der gleiche Anblick. Unten lässt der Mann seinen Tag ausklingen, oben die Frau. Ein Ehepaar, verbunden und doch getrennt. Die Härte dieses Sinnbilds bekundet die Unverstelltheit des Blicks der Regisseurin Ivette Löcker. Denn beim gespaltenen Paar handelt es sich um ihre Eltern. Seit langer Zeit leben sie im Salzburger Lungau – formal noch verheiratet, innerlich längst auseinandergelebt.

Um die Erbschaft auszuloten, werden die Löcker-Töchter an ihren Heimatort zurückbeordert. Für Dokumentaristin Ivette, die in Berlin lebt, heißt das erst einmal: Atemnot, Verspannungen. Vielleicht ist das Familienporträt, das sie im Zuge der Lungau-Besuche gedreht hat, auch ein Versuch, diese Beklemmung filmisch zu verarbeiten.

Der Anfang von „Was uns bindet“ zeigt die Eltern in Zeitlupe bei der Gartenarbeit, begleitet von beschwingten Jazz-Pop-Klängen. Das erinnert an „Blue Velvet“ von David Lynch – und legt wie im Mysteryklassiker eine falsche Fährte. Aus Interviews und unscheinbaren Momentaufnahmen schält Löcker eine Daseinsbilanz, die selbst in ihren heitersten Momenten Melancholie verströmt. Ihr Ursprung: eine generationstypische Weichenstellung. Frühe Heirat, frühes Eigenheim, Kinder, Verantwortung, Abhängigkeit. Die Liebe schwand, während sich die Verhältnisse verstetigten. „Samma halt beinandergeblieben, und dann hat das Schicksal seinen Lauf genommen“, sagt der Vater. Eine von vielen Fügungsfloskeln, die den Frust über verpasste Chancen verdecken sollen.

Gemeinsamer Feind Einsamkeit

Dieser sucht sich dennoch Ventile. Bei Werner Löcker sind es Flucht- und Freiheitsgedanken: „Vielleicht kommen noch ein paar schöne Jahre.“ Vom Nebenverdienst als Pizzabote leistet er sich eine Reise zur Expo nach Mailand. Und lädt die Damen beim Faschingsfest zum Engtanz. In einer früheren Szene war von einer Affäre Werners die Rede – „immer wieder eine“, wie Irene Löcker mit sarkastischem Lachen ergänzt. Hinter ihrem entrückten Gleichmut stehen Jahre der Selbstbescheidung. Mit vierzehn verließ sie ihr Geburtsland Slowenien, eine Entwurzelung, ebenso schmerzlich wie die Frage: Wofür?

Dennoch: So wenig die Löckers miteinander können, so sehr sind sie aufeinander angewiesen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind Einsamkeit. Die Kinder sind weit fort, nicht zuletzt aufgrund des Klimas zu Hause. Szenen, in denen Ivette und ihre Schwestern verhaltenen Vorwürfen wegen des mangelnden Bezugs zum Elternhaus ausgesetzt sind, sind eindringliche Zeugnisse der Sprach- und Hilflosigkeit, die viele bei familiären Konflikten befällt. Viel zu viel Geschichte hängt an jedem Wort, viel zu eingefahren sind die Meinungen. Es ist die Verzweiflung im Angesicht eines gordischen Knotens. Erst am Ende scheint sich dieser ein wenig zu lösen, in einer Sequenz, deren Luftholgestus leicht aufgesetzt wirkt – und den man doch allen Beteiligten vergönnt.

(Andrey Arnold, Die Presse, 01.12.2017)

Nach der Ehe, von Esther Buss, Der Freitag, Ausgabe 46/2017 (Artikel)

41. Duisburger Filmwoche Sie wohnt oben, er unten: Ivette Löckers Familienfilm „Was uns bindet“ ragt aus dem Festival heraus.

Ivette Löcker stellt sich in Was uns bindet mit einem so grotesken wie beklemmenden Selbstporträt vor: Ihr Gesicht, das die Kamera vom Boden aus frontal kadriert, liegt eingezwängt im Kopfteil einer Massageliege. Auf die Ursache für ihre Verspannungen angesprochen erklärt sie: „Ich komm ja jetzt wieder öfter in den Lungau.“

Der Lungau, ein Bezirk im Südosten des Bundeslands Salzburg, in dem die in Berlin lebende Filmemacherin aufwuchs und die Eltern bis heute leben, bezeichnet mehr als einen Ort. Das Wort ruft ein ganzes Knäuel an ambivalenten Gefühlen auf: Kindheitserinnerungen, die eigene Ablösungsgeschichte und ein irgendwann eingerichtetes Distanzverhältnis, das sich als doch nicht ganz so sortiert und abgeschlossen herausstellt. Denn als die Eltern den drei Töchtern ihre beiden Häuser überschreiben und die Begutachtung des Erbes zu vermehrten Besuchen im „Lungau“ führt, ist Löcker plötzlich wieder mittendrin.

Was uns bindet – eine der herausragenden Arbeiten der 41. Duisburger Filmwoche, die den Film in der deutschen Erstaufführung zeigte – ist der produktive Versuch, das prekäre familiäre Gefüge (und die eigene Verstrickung darin) filmisch in den Blick zu bekommen und zu ordnen. Ähnlich präzise, unsentimental und erschütternd ist das nur Peter Liechti mit Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern (2013) gelungen. Löckers Position ist eine der teilnehmenden Beobachtung, dabei durchmisst die Kamera das gesamte Spektrum zwischen Nähe und Distanz. Von den intimisierenden Unmittelbarkeitseffekten des home movie könnte Was uns bindet also kaum weiter entfernt sein. Wenn Löcker ihre Eltern zur Befragung etwa nebeneinander auf die Kücheneckbank setzt (unter gerahmte Fotos der Häuser und Kinder), dann hat diese Anordnung etwas Bühnenhaftes.

Seit Löckers Eltern sich vor 18 Jahren getrennt haben, leben sie noch immer unter einem Dach: sie oben, er unten, im Keller. Was auf den ersten Blick nach einem unkonventionellen, vielleicht sogar ganz schönen Beziehungsmodell klingt, erweist sich schnell als furchtbar trauriges Arrangement. Die Beziehung der Eltern ist ein Theater der Wiederholung, jedes Aufeinandertreffen führt zur reflexhaften Reproduktion der immer gleichen Rollenmuster (er: dickschädelig, grob offensiv, sie: passiv-aggressiv, „leidig“, vielleicht auch einfach depressiv, mit eher feinen Nadelstichen).

Wurstkochen im Guten

Eine gemeinsame Sprache gibt es ebenso wenig wie geteilte Interessen. Seine Entfremdung, die ihm längst zur Gewohnheit geworden ist, hält ihn freilich nicht davon ab, gelegentlich in ihrer Küche vorbeizuschauen, beispielsweise um sie zu bitten, ihm drei Würste zu kochen – „damit ich irgendwann wieder ein Mittagessen hab.“ Was sie dann auch bereitwillig tut, vielleicht sogar mit einem Anflug von Zärtlichkeit. Obwohl sich der Vater, wie er der filmenden Tochter einmal gesteht, eine neue Partnerschaft wünscht, scheint das halbgetrennte Zusammenleben – einmal fällt das brutale Wort „Krieg“ – unverrückbar.

Hinter der einbetonierten Routine liegt eine geradezu fatalistische Ergebenheit in die Verhältnisse: „Dann hat das Schicksal seinen Lauf genommen.“ Auf die wiederholte Frage, was die Eltern noch binde, heißt es: die Kinder, das Haus. Beides gehört untrennbar zusammen. Das alte Bauernhaus, das sich Löcker mit ihrer Schwester Simone teilen wird – Marlies, die im Film nur über Skype präsent ist, wurde das „moderne“ Elternhaus übertragen –, stellt sich als baufällig heraus. Der Schimmel sitzt tief im Mauerwerk. Auch wenn sich zwischen Haus und Familie unweigerlich allegorische Bezüge auftun, bleibt Löcker in ihrer Beobachtung immer konkret.

Während der Vater versucht, jedes Problem mit sturem Pragmatismus wegzuargumentieren („am Schimmel stirbt niemand“) und die Schwester ihm unwirsch ins Wort fällt, findet sich Löcker in der Rolle der Vermittlerin wieder. Was uns bindet wirft am Rande auch einen Blick auf Geschwisterpositionen und ihre schwer umpolbaren Dynamiken.

Nicht zuletzt ist Ivette Löckers Film das Porträt einer aussterbenden Elterngeneration, die noch dafür gearbeitet und gelebt hat, etwas aufzubauen – um es dann an die Kinder weiterzugeben (wer von „uns“ wird irgendwann schon ein Haus zu vererben haben?). Und tatsächlich führt der Besitz dazu, dass die Familienmitglieder nun öfter „banonda“ (beinander) sind.

Ein Banonda, durch das tiefe Risse geht, das unerlöst bleibt.

(Esther Buss, Der Freitag, Ausgabe 46/2017)

Alle Bedeutungsebenen abschütteln – Duisburger Filmwoche 2017 (2), von Lukas Foerster, critic.de, 13.11.2017 (Kritik)

Epistemische Grenzen des Dokumentarfilms

Ivette Löckers Was uns bindet könnte man als eine intensive, schmerzhafte Erweiterung und Multiplizierung derselben Metapher verstehen. Auch Löcker beschäftigt sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte, auch sie scheut sich nicht davor, selbst im Bild aufzutauchen. Gleich zu Beginn eine Großaufnahme des Gesichts der Regisseurin, eingespannt in die Kopfhalterung einer Massagebank. Kein Entkommen. Die Einstellungen, die Löcker im Folgenden für ihr kluges, ambivalentes Familienporträt findet, sind dann aber flexibel genug, nicht nur ein Gefühl von Eingeschlossensein, sondern auch eine Sehnsucht zu kommunizieren, die auf das (immer nur relative) Jenseits der familiären Rahmungen verweist.

Im Zentrum stehen die Eltern der Regisseurin, die im südösterreichischen Lungau immer noch gemeinsam im Familienanwesen wohnen, obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr als Paar zusammenleben. Der Titel des Films lässt sich auf zahlreiche weitere soziale und emotionale Bindungen erweitern (letzten Endes auch auf die diversen Bindungen, die ein Film hervorbringt, während der Produktion, und auch während der Projektion), aber zunächst einmal fragt er, was diese beiden Menschen noch beieinanderhält, allen inneren und äußeren Fliehkräften zum Trotz. Eine schöne Metapher findet Was uns bindet, wenn in einem der Familie gehörenden Haus unter der Wärmedämmung massiver Schimmelbefall sichtbar wird. Ein Handwerker rät dem Vater, das Gebäude entweder komplett abzureißen oder gründlich zu renovieren. Und er fügt sogar noch (sinngemäß) hinzu: „Das ist bei Häusern genau wie bei Beziehungen: Ganz oder gar nicht.“

Der Vater weigert sich, entsprechend Konsequenzen zu ziehen, wo alle anderen Schimmel sehen, sieht er weiterhin nur schwarze Farbe. Es sind also, zumindest in diesem Fall, weniger die materiellen Dinge selbst, die Menschen aneinander binden, als Projektionen und erlernte Blindheiten im alltäglichen Umgang mit diesen Dingen. Ähnlich, aber noch einmal komplizierter, funktioniert eine weitere Metapher: Im Garten des Familienanwesens stehen Hasenställe, für die sich die von Löckers Mutter gehaltene Hündin Daisy interessiert. Hunde und Hasen sollten einander allerdings, vor allem zum Wohl der Letzteren, nicht zu nahe kommen. Dennoch kann die Mutter es nicht lassen, den Hund wieder und wieder zum Hasenkäfig zu führen und dann sogar dessen Gitter zu öffnen. Erst einmal liegt es nahe (aufgrund des restlichen Films, aber auch aufgrund allgemeiner Geschlechtervorurteile), den bellenden, umtriebigen Hund mit dem Mann und den häuslich im Stall kauernden Hasen mit der Frau zu identifizieren. Aber gleichzeitig ist Daisy stets an der Seite der Mutter zu finden, und der Hase trägt, zumindest im Abspann, den Namen des Vaters. Die Hund-und-Hase-Metapher verdeutlicht in diesem Sinne nicht nur die Komplexität menschlicher Beziehungen, sondern sie verweist auch spielerisch auf die epistemischen Grenzen des dokumentarischen Kinos. Wer Hund ist und wer Hase: das kann der Kamerablick alleine nicht ergründen.

(Lukas Foerster, critic.de, 13.11.2017)
Orig. Titel
Was uns bindet
Jahr
2017
Land
Österreich
Länge
102 min
Kategorie
Dokumentarfilm
Orig. Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch, Deutsch
Credits
Regie
Ivette Löcker
Drehbuch
Ivette Löcker
Kamera
Frank Amann
Schnitt
Michael Palm
Produktion
Mischief Filmproduktion
Produzent*in
Ralph Wieser
Verfügbare Formate
DCP 2K flat (Distributionskopie)
Bildformat
1:1,85
Tonformat
Dolby 5.1.
Bildfrequenz
24 fps
Farbformat
Farbe
Digital File (prores, h264) (Distributionskopie)
Festivals (Auswahl)
2017
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films (Grosser Diagonale Preis Doumentarfilm)
Duisburg - Duisburger Filmwoche
Jihlava - East Silver Market
Freistadt - Festival Der Neue Heimatfilm
2018
Würzburg - Int. Filmwochenende
Hamburg - Dokumentarfilmwoche