Uns hat die sehr traurige Nachricht erreicht, dass Dóra Maurer im 89. Lebensjahr verstorben ist. Dóra Maurer, die eine ungarisch-österreichische Doppelstaatsbürgerschaft besaß, zählt zu den prägenden Personen in der internationalen Kunstwelt. Seit den späten 1960er Jahren spielte sie eine aktive Rolle beim Aufbau des internationalen Netzwerks der ungarischen Neo-Avantgarde. Neben ihrer Tätigkeit als Ausstellungsorganisatorin ist auch ihr Engagement in der Kunstpädagogik bemerkenswert. Ihr über sechs Jahrzehnte umfassendes Œuvre ist hinsichtlich der unterschiedlichen Medienformate besonders vielfältig, reicht von Filmen, Fotografien, Druckgrafiken bis zur Malerei, auf die sie ihren Schwerpunkt legte. Dóra Maurer haben wir als absolut integere, sehr aufgeschlossene, warmherzige und auch neugierige Person kennen gelernt – sie wird uns und der Kunst- & Kulturwelt sehr fehlen.
„Dóra Maurer hat einmal gesagt, das zentrale Thema ihrer Arbeit sei „Bewegung bzw. die konzeptuelle und faktische Auswirkung von Verschiebungen“ (1). Bewegung und Verschiebung, so belegt es ihr umfangreiches Oeuvre seit Ende der 1960er-Jahre, sind dabei stets auf Systemhaftigkeit und Strukturalität bezogen. Das Ausgehen von einer bestimmten, zuvor festgelegten Systematik und das anschließende Feststellen von unvorhergesehenen Abweichungen und Brüchen – dieses Doppel charakterisiert den Prozess, den Maurer auf vielfältige Weise von ihren frühen grafischen Arbeiten über die von ihr so bezeichneten Verschiebungen bis hin zu den aus der Raummalerei entwickelten „Quasi-Bildern“ der 1980er- und 90er-Jahre realisiert hat. In die Auseinandersetzung mit Struktur und der ihr innewohnenden Variabilität passen auch Maurers Filmarbeiten, die sie seit 1973 in loser Abfolge produziert hat. Anfangs noch ganz dem Konzept der Wiederholbarkeit bzw. Messbarkeit von Bewegung verpflichtet, gehen die Filme in Folge immer mehr in Richtung einer konzeptuellen Bildbefragung, wobei diese eng an Momente der Körper-, Bewegungs- und Raumfragmentierung geknüpft ist. Die „Systeme“, die dabei zum Einsatz kommen, reichen von scheinbar simplen Alltagshandlungen (etwa dem Lesen eines Buches) bis hin zu hochgradig abstrakten Bildfolgen (zum Beispiel dem ausschließlichen Einsatz monochromer Farbflächen). Diese Bandbreite deutet bereits darauf hin, dass Maurers methodisches Vorgehen durchaus universell angelegt ist, wiewohl sie dies nie explizit auf Formen politischer oder sozialer Systemhaftigkeit umlegt. Und doch geht es implizit – und damit vielleicht unbewusst auf umso dringlichere Weise – um Möglichkeiten des „Austritts aus dem System“, wie die Kunsthistorikerin Judit Király festgehalten hat.[2]“ (Christian Höller, „Verschiebungseffekte,“ Index-Edition 046, Dóra Maurer, Thinking in Proportions)
(1) DÓRA MAURER, EXTRACT FROM LECTURE AT THE HUNGARIAN UNIVERSITY OF FINE ARTS, CONFERENCE ABOUT CONCEPTUALISM IN CENTER EUROPEAN COUNTRIES [SIC], IN: DORA MAURER - TRACES 1970–1980. AUSSTELLUNGSKATALOG BUNKIER SZTRUKI, KRAKAU,2011, S. 19.
(2) VGL. JUDIT KIRÁLY, MATHEMATISCHE BEZÜGE IN DER KUNST VON DÓRA MAURER, IN: MAURER DÓRA. AUSSTELLUNGSKATALOG LUDWIGMUSEUM - MUSEUM OF CONTEMPORARY ART, BUDAPEST, 2008, S. 46.