Krai

Der in Russland geborene Regisseur Aleksey Lapin begibt sich zurück in das nahe bei der ukrainischen Grenze liegende Heimatdorf seiner Verwandten, in dem er früher selbst jeden Sommer verbracht hat. Die Filmcrew stellt sich bei einer eigens organisierten öffentlichen Veranstaltung mit Musik vor: Der Grund ihrer Anwesenheit sei ein Casting für einen historischen Film, der hier spielen soll. Es entwickelt sich daraus eine charmante, semifiktionale Dokumentation von und mit der Dorfgemeinschaft. Das geplante Filmprojekt ist nur ein Vorwand – das wird von Anfang an ersichtlich. Die Bewohnerinnen und Bewohner machen trotzdem gern mit. Lapin spielt originell und mit feiner Ironie mit den Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm. So gehen beobachtende Szenen unauffällig über in Inszenierungen. Wunderbar Absurdes hält er fest, etwa wenn ein Baum gefällt und für den „Filmdreh“ umständlich woanders aufgestellt wird, oder wenn liegen gebliebene Autos die Gerüchte über Elektromagnetismus in der Gegend befeuern. Hervorzuheben ist die Bildgestaltung in Schwarz-Weiß, voll von Referenzen an russische Filmklassiker, zeitlos und zeitnah zugleich. Lapins Langfilmdebüt ist nicht nur ein liebevolles Ortsporträt mit Gespür für Wunderliches, sondern auch ein Film über Film: In einem längeren Dialog am Fluss sprechen zwei Figuren über das Kino als Kunstform und wie es sich verändert. (Annina Wettstein / DOK Leipzig Katalog 2021)

Früher sei Film noch eine Kunst gewesen, die sich ganz dem Leben verpflichtet hat, heißt es einmal in Krai. Nun hingegen sei diese Form wie so vieles andere von der Profitgier korrumpiert.
Aleksey Lapin stimmt dieser Klage in seinem Film nur augenzwinkernd zu: Sein Porträt eines Dorfes an der russisch-ukrainischen Grenze sitzt mit seiner rhapsodischen, poetischen Form keinem Trend auf. Und außerdem ironisiert Lapin die Aussage gleich selbst: Die zwei im Müßiggang vor sich hin plaudernden Burschen werden von ihrem Filmteam wachgerüttelt - „Drehen wir heute noch was?“

Damit ist schon Einiges über das Selbstverständnis dieses Schwarzweißfilms gesagt. Lapin fingiert darin den Castingprozess zu einer Arbeit über seinen Heimatort. Hybrid ist der Film schon deshalb, weil er aus dieser Tarnung heraus seine Begegnungen sucht: Indem der Regisseur seine Absicht offenlegt, lockt er die Dorfbewohner heran, die sich der Kamera gegenüber großzügig zeigen, ihre Sehnsüchte offenbaren. Beobachtete Szenen wie in einer orthodoxen Kirche wechseln mit Gesprächen, etwa mit einer ehemaligen Lehrerin. Und dann scheint sich der Film wieder von der Arbeit weg zu bewegen, wandert zu einem Mann mit Pferd an ein Flussufer oder in die Felder zu den Bauern.

Krai folgt bei alldem eher der satirischen Tradition eines Jonathan Swift; die wunderlichen Seiten der Realität werden ein wenig deutlicher hervorgestrichen. Seltsame Gerüchte über Elektromagnetismus sind im Umlauf, Autos krepieren mitten auf der Straße. Lapins Blick auf die Dorfbewohner ist liebevoll, aber nicht ungebrochen: Niemals würde er jemanden auflaufen lassen; doch er sucht das Archetypische in den Charakteren. Sei es ein Eigenbrötler, der seinen Vogel befreien will, oder eine Frau, die ein Kinderzimmer mit neuen Tapeten überzieht - Krai zeigt ein Dorf, dessen versteckte Geschichten man mit etwas Magie heraufbeschwören muss. (Dominik Kamalzadeh)

Trailer
Weitere Texte

One World Romania, Bukarest 2022 - catalogue entry (en)

No matter how ethically problematic, one efficient way to find the truth is to begin with a lie. And when someone searches to capture the imperceptible and fugitive truth of a human being aided by a device which is forced to remain on the visible surface of things, like in the case of the movie camera, a dose of fiction often proves essential. Guided by this principle, Alexei Lapin, a Russian filmmaker who lives and works in Western Europe, returns to his grandparents’ village, where he spent his childhood summers, in order to shoot his first feature. Lapin seems to adhere to Edgar Morin’s creed, expressed at the end of the experiment which was “Chronicle of a Summer”: in front of the camera people force themselves to be more honest than in their everyday life. Does this mean they’re faking it? “The Country” doesn’t solve this conundrum – instead, it revels in the undetermined space between authenticity and simulacrum, documentary and fiction, past and present. Under the pretext of organizing a casting for a period movie, the film crew introduce themselves in the peacefully-flowing life of the village, causing a bit of a commotion among the locals: young people and older people, amateur actors or complete beginners, students, unemployed people, or farmers all become part of the movie, if only through looking straight into the camera for a moment. In spite of its mechanism, the movie never turns into a complaisant meta-cinematographic exercise. On the contrary, it is an ode to the simple, yet not unmysterious or unimaginative life of the people who not only appear in it, but even subtly take over its reins as they use cinema the way they once used to use oral language, as a means to assert their place in the world and to perpetuate their folklore.

Liri Alienor Chapelan for ONE WORLD ROMANIA FILM FESTIVAL 2022

Orig. Titel
Krai
Jahr
2021
Land
Österreich
Länge
123 min
Kategorie
Hybrid
Orig. Sprache
Russisch, Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel
Englisch, Deutsch
Credits
Regie
Aleksey Lapin
Kamera
Adrian Campean
Kameraassistenz
Fjodor Guerlein
Ton
Jaroslaw Redkin, Yuriy Todorov
Schnitt
Sebastian Schreiner
Sound Design
Lenja Gathmann
Darsteller*in
Elena Nozhenko, Raisa Nozhenko, Vsevolod Nikonov, Arianna Han, Svetlana Gonstein
Produktion
Horse&Fruits
Produzent*in
Thomas Herberth, Florian Brüning
Mitwirkende/r
Bewohner*innen von Jutanovka, Volokonovka und Umgebung / The local village people of Jutanovka, Volokonovka and surroundings
Regieassistenz
Claudia Joldes
Mit Unterstützung von
ORF Film/Fernseh-Abkommen, BKA - innovative film
Projektentwicklung
ÖFI - Österreichisches Filminstitut
Verfügbare Formate
DCP 2K flat (Distributionskopie)
Bildformat
1:1,37
Tonformat
Dolby Digital
Bildfrequenz
25 fps
Farbformat
s/w
Digital File (prores, h264)
Festivals (Auswahl)
2021
Duisburg - Duisburger Filmwoche
Viennale - Vienna Int. Film Festival
Leipzig - Dok Leipzig - Int. Festival für Dok.- u. Animationsfilm
2022
Hamburg - Dokumentarfilmwoche
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films
Izola - International Film Festival Izola, Kino Otok
Khanty-Mansiysk Siberia – Spirit of Fire International Debut Film Festival (Beste Regie + Award for Preservation of Culture)
Triest - Alpe Adria Cinema - Film Festival
Moscow - ArtDocFest
Zagreb - Subversive Film Festival
Bukarest - One World Romania (Preis der Jugendjury)