Garten sprengen

“Are you familiar with American poetry?” Eine Frage wie eine Anklage. Hanns Eisler stellt sie in Englisch mit breitem deutschem Akzent im Zuge einer Befragung vor dem „House Committee on Un-American Activities“ 1947, während auf der Bildebene von Veronika Eberharts GARTEN SPRENGEN ein Mann (performed von Ian F Svenonius) durch einen schier endlosen Hotelflur wandelt.

Dabei sticht der aufwändig in Blau, Gelb und Creme gemusterte Teppichboden des Hotels ins Auge. Seine haptische Qualität wird bei einer anderen Montage-Sequenz ins Bild übersetzt: eine Hand streicht über ein Fensterbrett, eine andere über einen Gitarrenhals, eine weitere über die Armlehne eines Sofas. Es sind Bilder, die die Geister der Vergangenheit eines Ortes zu fassen versuchen, im konkreten Fall jene des Biltmore Hotels in Downtown Los Angeles. Schauplatz früher Oscarverleihungen wie auch der Anhörung von Eisler zu Beginn der McCarthy-Ära wird es zum Dreh- und Angelpunkt des Films.

Eberhart widmet sich darin dem Exil und der doppelten Vertreibung des Komponisten; möglichen kollektiven Alternativen zum Kapitalismus, dem Glauben an Kunst, Musik, Lyrik und deren revolutionärem Potential. Footage von Hollywoodfilmen der 1980er Jahre sowie Archivaufnahmen der Anhörungen verwebt Eberhart mit auf 16mm selbstgedrehten Szenen aus Los Angeles. Sie interessiert sich für die Textur des Historischen, das sie in all diesen Bildern und besonders in deren Leerstellen verortet und dem sie eine weitere Ebene hinzufügt, indem sie Gerüchten und Alltagsbeobachtungen - etwa von Eislers Frau Lou - die gleiche Wahrhaftigkeit zuschreibt wie ihren Archivfunden.

Die Künstlerin re-aktiviert das „emotional memory“ (Tony Morrison) des Materials nicht zuletzt auch durch ihre Gestaltung des Scores. Denn der nüchtern gedachte Beginn von Eislers Vertonung des namensgebenden Brecht-Gedichtes „Vom Sprengen des Gartens“ wird bei Eberhart zu einer Kaskade an Wassertropfen. Und wie heißt es so schön am Ende des besagten Liedes: „Auch den nackten Boden erfrische Du!“ (Claudia Slanar)

Orig. Titel
Garten sprengen
Jahr
2022
Land
Österreich
Länge
12 min
Kategorie
artist film, Avantgarde/Kunst, Experimental
Orig. Sprache
Englisch
Credits
Regie
Veronika Eberhart
Kamera
Chloe Reyes, Veronika Eberhart
Schnitt
Veronika Eberhart
Sound Design
Veronika Eberhart
Tonmischung
Andreas Pils
Farbkorrektur
Matthias Halibrand, Patrick Weber
Performer*in
Ian F Svenonius, Friedel Schmoranzers
Mit Unterstützung von
Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport / Federal Ministry for Arts, Culture, the Civil Service and Sport, CINE ART, Zukunftsfonds Republik Österreich, MAK - Schindler Stipendium
Tonrestaurierung
Katrin Euller
Verfügbare Formate
DCP 2K flat (Distributionskopie)
Bildformat
4:3
Tonformat
5.1 surround
Bildfrequenz
24 fps
Farbformat
Farbe, s/w
Festivals (Auswahl)
2022
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films