Me and Ma and Everything and Nothing

Vollmondnacht, Totale: Wenn in der einzigen, unbewegten Einstellung des Films der langsame Zug der Wolken den Blick auf den Mond öffnet und wieder verstellt, erwartet die filmhistorisch geschulte Betrachterin womöglich den Schnitt durch ihr eigenes Auge, den Luis Buñuel in Un chien andalou als grafische Entsprechung des Naturschauspiels in Szene setzt. Bei Sasha Pirker gibt es anders als bei Buñuels surrealistischer Augenattacke keinen Schnitt und keinen Schock, sondern sie beschwört die vielgestaltige Mythologie des Mondes, um sie gleichzeitig in Bann zu halten. Sich der lunaren Affizierung hingeben, ohne zum Lunatic zu werden – so könnte das poetische Programm des Films vielleicht beschrieben werden. In drei Teilen entfaltet sich im Gravitationszentrum des Mondes eine Meditation über den künstlerischen Schaffensprozess, der von der Sprache über die Stimme zur Musik moduliert: In Teil 1 kommt das „Me“ der Filmemacherin in einem langen Voice Over selbst zur Sprache als eine filmische Subjektivität, die im Angesicht des Mondes über mögliche, geplante und zukünftige Filme reflektiert und dabei in der Schwebe lässt, ob die Totale des Mondes nun Teil dieses kommenden Films ist, oder nur kreative Inspirationsquelle. In Teil 2 verkündet ein Zwischentitel das vorläufige Scheitern dieses Filmprojekts, aber diese Negation des angekündigten Films (das „Ma“ bezieht sich auf das japanische Konzept eines negativen, leeren Raums) positiviert sich gleichzeitig als derselbe Mondfilm, den wir immer noch fasziniert betrachten. Doch etwas ist mit der Stimme passiert, deren Tönung durch eine Erkältung rauer geworden ist, so dass wir die „Körnung der Stimme“ (Roland Barthes) in ihrer Körperlichkeit hören. In der assoziativen Logik der Alliteration folgt nach „Me“ and „Ma“ nun das wörtliche „Moon“ in der akustischen Gestalt eines mitreißenden Musiktracks, dessen Dynamik zu der Stasis des Bildes eine extreme Spannung aufbaut. Nun ist der unvollendete Film vielleicht doch vollendet – als befreiter Tanz unterm Mond. (Sulgi Lie)

Orig. Titel
Me and Ma and Everything and Nothing
Jahr
2022
Land
Österreich
Länge
12 min
Regie
Sasha Pirker
Kategorie
Experimental
Orig. Sprache
Englisch
Downloads
Me and MA_01 (Bild)
Me and MA_02 (Bild)
Me and MA_03 (Bild)
Credits
Regie
Sasha Pirker
Musik
Stefan Németh/ Innode
Sound Mastering
Andreas Pils
Farbbearbeitung
Kurt Hennrich
Verfügbare Formate
DCP 2K flat (Distributionskopie)
Bildformat
16:9
Tonformat
5.1 surround
Bildfrequenz
25 fps
Farbformat
Farbe
Festivals (Auswahl)
2022
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films