Wien Ostern 1973
England oder Holland – das sind die einzigen beiden Möglichkeiten, als Renate Mumelter 1973 ungewollt schwanger wird. Sie ist damals noch Schülerin und ein Kind steht nicht auf dem Plan, aber Abtreibungen sind in Italien verboten. Es wird London. Zusammen mit dem „Übeltäter“, wie sie ihren damaligen Freund scherzhaft nennt, reist sie für den Eingriff quer durch Europa. Klinik super, Behandlung super, so ihr Fazit im Voice-Over. Auf der Bildebene wird jedoch etwas ganz anderes sichtbar: Aufnahmen aus Wien von parkenden Autos, Seitenstraßen, Häuserreihen. Unaufgeregte Szenerien, die auf den ersten Blick nichts mit Renates Erfahrung zu tun haben, aber doch mit ihr verknüpft sind. Denn anstelle der Wahrheit erzählt sie ihren Eltern damals, sie mache Urlaub in Wien. Mit Stadtansichten, die ausmalen, wie diese Reise ausgesehen haben könnte, spürt der Film ihrem Alibi nach und prägt Abtreibungsbilder, die nicht nur das oftmals notwendige Stigma-Management solcher Erfahrungen ausdrücken (Was erzähle ich wem? Was behalte ich für mich?), sondern auch der Alltäglichkeit von Abtreibungen Form verleihen. Keine Sensationen, keine Spannung, keine Sehenswürdigkeiten, nur das stetige, fast langweile Treiben einer Großstadt abseits der touristischen Zentren an einem sonnigen Tag.
Abtreibung wird in Wien Ostern 1973 nicht, wie sonst so oft, über Konflikt erzählt, sondern über Ruhe, Alltäglichkeit und Vertrauen. Mit seiner unaufgeregten Erzählung entwirft der Film einen alternativen Blick auf das Thema und lässt die Zuschauenden eigene Erwartungshaltungen hinterfragen. Daneben macht er aber auch Raum für Kritik, als Renate die politische Lage damals und heute kommentiert. Zuletzt weiht sie ihren Sohn, den Filmemacher, noch in ein weiteres Abtreibungsgeheimnis ein, wird aber auch hier nicht zur Sensation gemacht, sondern im Stil des gesamten Films gezeigt: als eine in sich ruhende, entspannte Frau. (Franzis Kabisch)
Wien Ostern 1973
2026
Österreich
12 min