ŞAYÊ MARA
Bevor der Titel eingeblendet wird, beginnt ŞAYÊ MARA dreifach. Zunächst mit einem geschriebenen Gedicht, das die Entstehung der Welt bestimmt. Gefolgt von einer gesprochenen Geschichte – dem Mythos von Şahmaran, der kurdischen Göttin der Weisheit, die immer auch als Genealogie zu verstehen ist: wenn sie stirbt, geht ihre Weisheit auf ihre Töchter über. Und schließlich mit tanzenden Frauen und Funken, die von einem Feuer aufsteigen. Drei verschiedene Erzählungen vom Anfang, drei Anfänge, jeweils vor schwarzem Hintergrund. Wir sehen also etwas, das im Entstehen ist und erfahren zugleich, dass das Ende, auch der Tod, nicht das Ende der Möglichkeiten ist.
Der Film entstand in Jinwar. Das 2018 im Norden Syriens gegründete "Dorf der Frauen" ist eine der Strukturen, die im Zuge der Revolution von Rojava entstanden sind, und es steht für eine Geschichte von Widerstand, Heilung, Selbstverwaltung und Selbsterhalt. Im Film wird Jinwar nicht erklärt und auch nicht erklärend gezeigt (lediglich als Inschrift). Wer sich über das Dorf informiert, erfährt von seinem zentralen Heilkräutergarten, von seinen ökologischen und feministischen Prinzipien. Der Film macht sich genau diese Prinzipien zu eigen und übersetzt sie in filmische Formen: ruhige Einstellungen, die das Sammeln und Trocknen von Kräutern und Blüten zeigen, kollektive Aushandlungsprozesse zur Geschichte von Şahmaran. Eine traumsichere Verbindung von dokumentarisch und fiktional, von Geschichte, Mythos und radikaler Gegenwärtigkeit. Die Tonspur verbindet präzises Hinhören, das jeder Geste Aufmerksamkeit zollt, mit dem sehnsuchtsvollen Ruf der Pfauen und der ständig hörbaren Gegenwart von (Kriegs-)Flugzeugen, die das Bild jedoch im Off hält.
Wie auch in ihren vorherigen Filmen realisiert die Künstlerin Helin Çelik mit ŞAYÊ MARA, erneut mit der Kamera von Raquel Fernández Núñez, die Möglichkeiten des Kinos, die Realität neu zu verhandeln. (Nanna Heidenreich)
ŞAYÊ MARA
2026
Österreich, Syrien
77 min