Der Regisseur

Zwei Schauspieler sitzen in einem Raum, spätabends, der eine erzählt dem anderen von einem chaotisch verlaufenen Filmdreh. Ein dritter telefoniert permanent im Hintergrund. Die Schilderung des einen ist zerfahren und nervös und hat ein Problem (das gleichzeitig den running gag für den Film liefert): Das Wort „Regisseur“ kommt ihm wiederholt nicht über die Lippen. Wir kennen das: Wir wollen etwas erzählen, doch das scheinbar Wichtigste, das hartnäckige „Dings“ (ein Name, eine zentrale Figur, ein Begriff) fällt uns nicht ein und bringt den narrativen Ablauf ins Stottern und uns in peinliche Verlegenheit, nimmt uns die Sprechhemmung, der „Hänger“, doch unsere auktoriale (und damit mächtige) Sprechposition.

Der Chef fehlt. Der schusselige, dysfunktionale Diskurs des Erzählers leugnet den „Regisseur“, jene textuelle und reale Disziplinarmacht, bekannt vom Fabrikssystem Hollywoods bis hin zu den „Unternehmen“ des Autorenfilms. Sein frivoles Vergessen des paternalen Souveräns parodiert und verflacht gleichermaßen die Hierarchien von Film- und Sprachproduktion und offenbart über die Symptomatik des Stotterns, der unvollständigen Sätze und fahrigen Bewegungen die hysterisierte Logik affektiver Arbeit im kontrollgesellschaftlichen (Kreativ-)Wirtschaften: Es geht immer um Kopf und Kragen, ums Hinterherhetzen und notorische Wichtigmachen, um zu wenig Zeit und zu knappe Budgets, ums Nicht-Fertigwerden und Durchwursteln in prekären Arbeitsverhältnissen und das daraus resultierende noble Gefühl, man mache etwas Besonderes. Wenn da der Regisseur fehlt oder einem nicht mehr einfällt, zeigt sich diese Welt als Geschussel und Überforderung in Permanenz. Da kann es dann schon vorkommen, dass das ersatzweise verwendete Wort „director“ als Erlösung über die Lippen kommt.
"Der Regisseur" ist übrigens sehr lustig.

(Michael Palm)

Orig. Titel
Der Regisseur
Jahr
2006
Länder
Austria, Germany
Länge
7 min 9 sek
Kategorie
Kurzspielfilm
Orig. Sprache
Deutsch
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Der Regisseur (Bild)
Credits
Regie
Nick Bötticher
Co-Regie
Wotan Wilke Möhring
Drehbuch
Wotan Wilke Möhring, Sönke Möhring, Nick Bötticher
Kamera
Niv Abootalebi
Ton
Jörn Martens
Tonmischung
Robert Werthan
Colorist
Jana Sälzer
DarstellerIn
Cornelius Martiny, Sönke Möhring, Wotan Wilke Möhring
Licht
Sven Trebus
Verfügbare Formate
35 mm (Distributionskopie)
Tonformat
Stereo
Bildfrequenz
24 fps
Festivals (Auswahl)
2006
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films
Linz - Crossing Europe Film Festival
Neubrandenburg - dokumentART
2007
Wien - VIS Vienna Independent Shorts