VERTIGO RUSH

Im Zusammenspiel von Natur und (optischer) Maschine wird Verborgenes sichtbar. Das perverse Bild jener aus Lichtblitzen gebildeten künstlichen Sonne am Ende dieser Arbeit ist nichts als die Verwischung einer bewegten, in die Tiefe eines Waldstücks blickenden Filmeinstellung - und als visuelles Potenzial darin immer schon enthalten. Die technisch aufwendige Versuchsanordnung VERTIGO RUSH besteht aus einer Serie von dolly zooms: einer Folge von in Einzelbildern aufgenommenen Kamerafahrten vorwärts und rückwärts, bei gleichzeitigem Zoom-Einsatz in jeweils gegenläufiger Richtung. Die optische Täuschung des sich zusammen schiebenden Raums wird durch zunächst sanfte, später drastische Beschleunigung dieser Pendelbewegung intensiviert - und stufenlos der Abstraktion überantwortet, in ein "sich auflösendes" Bild überführt.

VERTIGO RUSH lässt - mehr noch als an Hitchcock, der vor einem halben Jahrhundert die Technik des dolly zoom in Vertigo etabliert hat - an die kühnen Wahrnehmungsexperimente des New American Cinema der 1960er Jahre denken, insbesondere an Michael Snows strukturalistische Raum- und Bewegungsstudien, von denen eine auch diesen Film benennen könnte: Back and Forth. Die scheinbar so simple Grundsituation entfaltet genuin kinematografische Wirkung: Während in der - erst unterschwelligen, bald nervös pochenden - Sinustonspur die Frequenz stetig erhöht wird, dehnt und verdichtet sich der Raum, als wäre er digital animiert, während das kaum kontrollierbare Spiel des Tageslichts seine (dokumentarischen) Spuren sogar in diesem System strengster filmischer Reglementierung hinterlässt. Mit der Geschwindigkeitsanhebung (und dem Einbruch der Dunkelheit) im zweiten Teil des Films verengt sich der Bildraum zum nächtlichen Schock-Korridor. VERTIGO RUSH mündet in die reine Raserei der perspektivischen Verzerrung, in den kontrollierten Rausch der Geschwindigkeit: die serene velocity des entfesselten Maschinenblicks.

(Stefan Grissemann)


Johann Lurfs Auseinandersetzung mit dem erstmals von Hitchcock in Vertigo angewandten Verfahren des «dolly zoom» (eine Kamerafahrt und ein Zoom in zueinander entgegengesetzer Richtung), gerät zu einer berückenden Liebeserklärung an das Kino und an die Reichhaltigkeit der Filmsprache: Als überaus wirksamer Schock-Effekt in zahlreichen Kinofilmen (Jaws, Goodfellas) verwendet, steht der Drehschwindel ("vertigo") experimentierfreudige zwanzig Minuten lang erfahrbar im Mittelpunkt, seine medizinische Beschreibung gerät in Vertigo Rush zur Kinophilosophie: Ein Phänomen aus widersprüchlichen Informationen an Sinnesorgane, die am Gleichgewichtssinn beteiligt sind.

(Produktionsnotiz)


Johann Lurfs fulminante Studie VERTIGO RUSH greift auf den von Alfred Hitchcock für den gleichnamigen Thriller entwickelten „Vertigo“-Effekt zurück. (Während die Kamera auf Schienen nach vorne führt, wird das Zoom synchron in die entgegengesetzte Richtung geöffnet. Der Bildrand bleibt dabei statisch, durch die dynamische Veränderung der Brennweite wird der Bildraum scheinbar zunehmend „tiefer“.) Johann Lurf, der gerade sein Studium bei Harun Farocki an der Akademie der Bildenden Künste in Wien abgeschlossen hat, setzt dieses Verfahren des „dolly zooms“ ein, um eine strukturelle Analyse kinematografischer Prozesse durchzuführen. Er konstruierte hierfür ein höchst aufwendiges, technisches Setting: Der Filmemacher installierte Schienen in einem Waldstück, auf die er eine von einem Computer angesteuerte Kamera montierte. Die Kamera fährt nun beständig auf den Schienen vor und zurück und das Zoomobjektiv wird permanent geöffnet oder geschlossen. Die Geschwindigkeit mit der dies passiert wird kontinuierlich gesteigert. Die Frequenz der Kamerabewegung und des Zooms sind voneinander autonom, wodurch sich additive wie subtraktive Muster ergeben. Gegen Ende des Filmes sind aufgrund der Aufnahmegeschwindigkeit und der Belichtungszeiten nurmehr pulsierende, sternförmig in der Bildmitte zusammenlaufende Linien zu erkennen, welche Erinnerungen an den Science Fiction Klassiker „2001“ (Stanley Kubrick, 1968) wachrufen. Die Naturaufnahmen unterlegt Lurf mit einem rein synthetischen Sinuston, dessen Lautstärke und Frequenz sich ebenfalls kontinuierlich erhöhen. Das faszinierende an diesem „Testton“ ist, daß er bei jeder Vorführung anders klingt. Es werden die Limits der jeweiligen Tonanlagen ausgereizt und somit an jedem Ort unterschiedliche Klangereignisse generiert. Neben den bereits genannten Referenzen muß an dieser Stelle auch noch der strukturelle Film der 1960er Jahre angeführt werden. Allen voran dürfte Lurf von den Experimenten des Canadiers Michael Snow beeinflußt gewesen sein, zu dessen Filmen wie „<--->“ (Back and Forth, 1969) oder „la région centrale“ (1971) eine klar ersichtliche Verwandtschaft besteht.

(Norbert Pfaffenbichler im Ausstellungskatalog zu Cineplex in der Secession)

Weitere Texte

Jury Argument: Best Int'l Experimental Short, Leeds Film Festival 2008 (Preis (Auszeichnung))

A simple idea: find a beautiful sun-dappled verdant forest scene, then dolly zoom in and out slowly, then at incrementally increasing speed, until the image mutates into a merciless visceral assault that interrogates the very nature of human perception. Vertigo Rush is an ingenious formal experiment, representing an unyielding insistence on exploring the unique qualities of captured reality via the techniques of moving image art to quite simply blow your mind.

Jurybegründung Diagonale 2008 / Preis für Innovatives Kino (Preis (Auszeichnung))

„Vertigo Rush“ setzt uns im Wald aus, um auf der Rückseite der Netzhaut wieder rauszukommen. Er zeigt uns etwas, das bald nicht mehr zu sehen und vorerst noch nicht zu hören ist. Über die andauernde Verschiebung der Wahrnehmung wird eine physische Involvierung erzeugt, die die Priorität des Blicks auflöst. Parallel dazu breitet sich der Ton unmerklich in Raum und Körpern aus. Dies erzeugt einen unentrinnbaren Sog, der eine aktive, existenziell-körperliche Kino-Erfahrung bewirkt: denn „Vertigo Rush“ ist eine Feedbackschleife zwischen buchstäblicher physischer Präsenz der ZuseherInnen im Kinosaal, selbstreflexiver Wahrnehmung und immersivem Filmerleben. Der Wald wird nie mehr das sein, was er einmal war.

JURY Jury-Begründung film:riss 2008 / Preis für Besten Kunstfilm (Preis (Auszeichnung))

Vertigo Rush hat die Jury nicht nur formal-ästhetisch überzeugt. In seiner konzeptuellen Klarheit entwickelt der Film eine enorme Wucht. In knapp 20 Minuten verbindet er zwei Gegenpole mit den ureigensten Mitteln der Cinematographie. Vom realen Abbild zur völligen Abstraktion durch Bewegung und Beschleunigung.

Bert Rebhandl / FAZ (Preis (Auszeichnung))

Vertigo Rush is a proof that experimental film has by no means exhausted all the possibilities of its investigations into the mechanisms of cinema...

Bert Rebhandl / Frankfurter Allgemeine Zeitung
Orig. Titel
VERTIGO RUSH
Jahr
2007
Land
Austria
Länge
19 min
Regie
Johann Lurf
Kategorie
Avantgarde/Kunst
Orig. Sprache
Kein Dialog
Downloads
VERTIGO RUSH (Bild)
Credits
Regie
Johann Lurf
Produktion
Johann Lurf
Mitarbeit
Wolzt Leo , Johann Horvat, Marko Vuco
Equipment
Martin Reinhart
Verfügbare Formate
DCP 2K (Distributionskopie)
Bildformat
1:1,78
Tonformat
5.1 surround
Bildfrequenz
24 fps
Farbformat
Farbe
Festivals (Auswahl)
2007
Viennale - Vienna Int. Film Festival
2008
Rotterdam - Int. Filmfestival
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films (Preis für Innovatives Kino)
Edinburgh - International Film Festival
Hamburg - Int. Kurzfilm-Festival & No Budget
Wien - VIS Vienna Independent Shorts
Melbourne - Int. Film Festival
Vila do Conde - Festival Internacional de Curtas-Metragens
Seoul - EXis (Experimental Film- & Videofestival)
Zagreb - 25fps Film & Video Festival (Preis der Filmkritik)
Salzburg - Film:Riss Kurzfilmfestival (Preis der Jury für Besten Kunstfilm)
Ankara - Festival of European Film / Festival on Wheels
Morelia - Int. Film Festival (Mexiko)
Leeds - Int. FilmFestival (Best International Experimental Short)
Lucca Film Festival (Best Short Film)
Milano International Film Festival (Lobende Erwähnung)
Jihlava Documentary Film Festival
Lissabon - Indielisboa Int. Film and Videofestival
Osnabrück - EMAF - European Media Art Festival
Berlin - Int. Filmfestspiele
2009
Stuttgart - Filmwinter, Expanded Media Festival
Copenhagen - cph:dox, Intl Documentary Film Festival