World Mirror Cinema. Episode 1-3

Episode 1 : Kinematograf Theater Erdberg, Wien 1912

Episode 2 : Apollo Theater, Surabaya 1929

Episode 3 : Cinema São Mamede Infesta, Porto 1930


In Gustav Deutsch´s most recent found footage work the masses "absorb" (Walter Benjamin) the artwork. Three historical camera pans across the streets and squares of Vienna, Surabaya, and Porto provide a starting point for reflection on the relationship of everyday stories and cinematic machinery.

Welt Spiegel Kino´s steadfast piercing of the dynamic of this relationship is astounding. Each of the three pans – taken between 1912 and 1930 – contains a cinema; in the montage, the passersby become chance protagonists in a series of micro-tales, which report on both cinematic and world history. Deutsch´s method for connecting archive material is highly hypertextual: every person in the film refers to a multitude of socio-cultural contexts, similar to the hyperlinks in the interactive CD-Rom "Odysee Today" from Deutsch and his partner Hanna Schimek. The gaze of a Viennese passerby in 1912 leads the film as though with a time machine to the battle of Isonzo, Vienna´s Prater, and to the punishing of suburban ruffians. In Salazar´s Portugal, a general awards honors to weeping veterans; a group of girls stares steadfastly into the camera of an anonymous film chronicler while their mothers dream from inside a sardine factory of overcoming their situation. For Gustav Deutsch, the cinema (and pars pro toto every similarly "insignificant" artefact) is a mirror to the world. And conversely, the cinema belongs to these "infamous people", the secondary characters of history. Their being-in-the-world creates its photochemical process; the twentieth century person is reflected (and discovered) in the eye of the camera.

(Michael Loebenstein)

Translation: Lisa Rosenblatt

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"Die "kleinsten Zellen" und der Rest der Welt" von Claus Philipp (Critique)

Die Machart filmischer Bilder zwischen "Illusion" und "Realität": Gustav Deutsch mit seinem neuesten Werk "Welt Spiegel Kino."

Ungerührt setzt der österreichische Künstler Gustav Deutsch seine Arbeit über die Machart filmischer Bilder zwischen "Illusion" und "Realität" fort: Sein neuestes Werk heißt "Welt Spiegel Kino." Jetzt läuft es gerade im Wiener Stadtkino.

Im zeitgenössischen heimischen Filmschaffen ist Gustav Deutsch (52) ein rarer Generalist. Und: ein gleichzeitig geradezu erratisch systematischer Forscher in Sachen Bild-Konstruktionen - egal, ob diese nun in der zeitgenössischen Kunst neu etabliert werden, in Home-Movies von Amateuren seltsam schematisch werden oder ob sie in der Frühzeit des Kinos noch wunderbar unbelastet eine wahre Fülle an Information zulassen.

Der studierte Architekt legte schon im Rahmen der Künstlergruppe Der blaue Kompressor denkwürdige Foto- und Textarchive an. Gegenwärtig bereitet er mit seiner Lebensgefährtin Hanna Schimek in Griechenland eine weitere Ausgabe des Symposions-Projekts Aegina Akademie vor. Für eine große Ausstellung in Köln bereitet er gemeinsam mit dem WDR eine Reihe von acht kurzen Meta-"Tatorts" vor, zum Bild des Fremden, wie es die Krimiserie über viele Jahre und Folgen hinweg variierte. Gleichzeitig läuft jetzt im Wiener Stadtkino regulär jenes jüngste filmische Großprojekt, das gegenwärtig bei internationalen Festivals Furore macht: Welt Spiegel Kino.

Ausgangspunkt für dieses vorläufig dreiteilige Episodenwerk, das ähnlich wie sein Vorgänger Film ist als "work in progress" angelegt ist, war, so Deutsch, "ein unverhofftes Fundstück aus dem niederländischen Filmarchiv: ein Schwenk über eine der Hauptstraßen von Surabaya, 1929. Fasziniert hat mich darin das pulsierende Leben, das sich in dieser einzigen Einstellung vermittelt - und mittendrin ein Kino, in dem laut Ankündigung Fritz Langs Nibelungen gespielt wurden."


Orte. Passagen.

Dies führte zur Idee, zwei filmische "Realitäten" quasi ineinander zu spiegeln. Hier die Darstellung des Lebens auf der Straße, da die Erzählungen drinnen, im Kino. Drei "Orte" hat Gustav Deutsch schließlich nach langer Recherche in Archiven für seine Auslotung dieses Wechselspiels "besucht": ein Kinematograf-Theater in Wien-Erdberg, 1910; das Kino in Surabaya, und, ebenfalls Ende der 20er-Jahre, ein Filmpalast in Porto - und in all diesen Welt- und Film-Ausschnitten bedient er sich derselben Methode. Das Ursprungsmaterial wird verlangsamt, einzelne Menschen werden aus der Masse herausgezoomt ("das funktionierte teilweise wie bei einem Casting"), und treten in Überblendungen in Kontakt mit zeitgenössischen Spielfilm- und Dokumentarbildern.

Aus normalerweise nur flüchtig wahrgenommenen Einzelbewegungen schälen sich in Welt Spiegel Kino Menschen heraus, denen Deutsch mit seinen Montagen gewissermaßen Leben, Erinnerungen und Zukunftsbeschwörungen hinzuerzählt - durchaus mit einem "Gefühl der Verantwortung": "Es geht schon darum, etwas genau über diese Individuen in ihrer Zeit auszusagen." Genau dadurch, in dieser Präzision, so Deutsch, würden die Bilder dann ja auch wieder zeitlos.

Oft wird gegenwärtig in Rezensionen von Welt Spiegel Kino Walter Benjamin als Verfasser des Passagenwerks herbei zitiert. Wie schrieb einst Adorno über Benjamin: "Unbeirrt stand er zu seinem Grundsatz: Die kleinste Zelle angeschauter Wirklichkeit wiege den Rest der ganzen Welt auf." Damit kann sich Deutsch - Einschränkung: "Ich habe mich mit Benjamin nicht wirklich befasst" - gut identifizieren: "Und es gibt immer noch kleinere Zellen. Man dringt ein in etwas, das zuerst augenscheinlich nicht das Wichtige ist, nimmt etwa einen kleinen Buben, der durchs Bild rennt, und plötzlich tut sich eine ganze Fülle an Fragen auf." Die Welt beginne sich quasi enzyklopädisch aufzufächern. Und wie Benjamin begegnet Deutsch diesem Phänomen mit einer Vorliebe für Vernetzungen.

Auch die Arbeit an der Filmmusik, mit Burkhard Stangl und Christian Fennesz inspiriert ihn zu immer neuen Vertiefungen in die Körnung der Bilder, in Details und Stimmungen. Entsprechend wird wohl auch Welt Spiegel Kino demnächst in Live-Performances den Dialog zwischen Bild und Ton immer wieder neu aufnehmen.

Ob Gustav Deutsch nach soviel Arbeit mit "gefundenen" Bildern nicht auch einmal selbst etwas "drehen" würde? Tatsächlich schwebt ihm in näherer Zukunft ein Spielfilm vor. Oder richtiger: eine filmische Erzählung, "für die ich wieder eng mit Musikern, Architekten, Theoretikern zusammen arbeiten möchte." Gut möglich, dass sich so das heimische Kino einmal mehr von jener Seite her revitalisiert, die immer schon seine stärkste war: der Avantgarde, dem Experiment. (Der Standard, Printausgabe, 4.4. 2005)

Jay Weissberg, Variety on WELT SPIEGEL KINO (Critique)

Experimental in construction but accessible to all...Brillantly manipulating found footage from the silent era, Gustav Deutsch views every inch of the frame as a window onto hidden lives. (Jay Weissberg, Variety)

Ed Halter, The Village Voice NY, on WELT SPIEGEL KINO (Critique)

Gustav Deutsch is one of Austria’s avant-garde masters of found footage manipulation, sussing out bits of enigma from archival relics. In this globe-trotting tryptich, he re-edits silent-era footage shot around the sites of three different moviehouses, in Vienna, Indonesia, and Portugal. Zooming in on the faces of long-dead passersby, he attempts to imagine their inner lives through other bits of cinematic detritus; the structure becomes post-cinematic, mimicking the actions of a website or nonlinear database. The second episode, set in the Dutch Indies, is the most florid and surreal, drawing on a plethora of colonial actualities blended with bizarre fantasies. (Ed Halter, The Village Voice)

"Welt Spiegel Kino" - texte français

WELT SPIEGEL KINO
MONDE MIROIR CINÉMA


Dans la dernière œuvre de found footage de Gustav Deutsch, « la masse recueille l’œuvre d’art dans son sein » (Walter Benjamin) : trois panoramiques de Vienne, Surabaya et Porto, extraits de films anciens montrant rues et places, sont le point de départ d'une réflexion éblouissante sur la relation qui unit histoire du quotidien et machine cinématographique.

Welt Spiegel Kino fascine par la perspicacité avec laquelle il sonde la dynamique de cette relation. Dans chacun des trois panoramiques – réalisés entre 1912 et 1930 – figure une salle de cinéma ; au cours du montage, les passants deviennent acteurs de circonstance d'une série de micro-récits qui évoquent autant l'histoire du cinéma que l'histoire du monde. La méthode de mise en correspondance à laquelle Deutsch soumet le matériel d'archives est largement hypertextuelle : chaque personnage du film renvoie à une quantité de contextes socio-culturels, comme le faisaient déjà les hyperliens du CD-Rom interactif Odysee Today conçu par Deutsch et son associée Hanna Schimek. Le regard d'un passant viennois de 1912 conduit le film, à la façon d'une machine à voyager dans le temps, à la Bataille de l'Isonzo, au Prater de Vienne ou à la condamnation de petits voyous de banlieue. Dans le Portugal de Salazar, un général décore des anciens combattants qui ont la larme à l'œil ; un groupe de jeunes filles fixe la caméra d'un documentariste anonyme tandis que, dans une usine à sardines, leurs mères rêvent de conditions de vie meilleures. Chez Gustav Deutsch, le cinéma (et, pars pro toto, tout produit de l'art si insignifiant soit-il) est miroir du monde. Et, inversement, le cinéma appartient à ces « hommes infâmes » (Foucault), les seconds rôles de l'histoire. Son processus photochimique atteste leur être au monde ; dans l'œil de la caméra se reflète (et s'invente) l'homme du XXe siècle. (Michael Loebenstein)
Orig. Title
Welt Spiegel Kino. Episode 1-3
Year
2005
Countries
Austria, Netherlands
Duration
93 min
Director
Gustav Deutsch
Category
Avantgarde/Arts
Orig. Language
no dialogue
Credits
Director
Gustav Deutsch
Music
Burkhard Stangl, Christian Fennesz
Montage
Gustav Deutsch
Cooperation
Austria Filmarchiv, Det Danske Filminstitut, Oesterreichisches Filmmuseum, Portugesa Cinemateca
Resaerch
Gustav Deutsch, Hanna Schimek
Production
Nederlands Filmmuseum, media loop
Executive Producer
Manfred Neuwirth, Frank Roumen
Available Formats
35 mm (Distribution Copy)
Aspect Ratio
1:1,37
Sound Format
Dolby stereo
Frame Rate
24 fps
Digital Betacam (Distribution Copy)
Aspect Ratio
4:3
Sound Format
stereo
Festivals (Selection)
2005
Melbourne - Int. Film Festival
Rotterdam - Int. Filmfestival
Windsor - Media City
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films
Osnabrück - EMAF - European Media Art Festival
Vila do Conde - Festival Internacional de Curtas-Metragens
New Zealand Int. Film festival
München - Int. Dokumentarfilmfestival
Pesaro - Film Festival
New York - Tribeca Film Festival
Teplice - Int. Art Film Festival Trencianske
Taipei - Golden Horse Film Festival
Leeds - Int. FilmFestival
Cork - Int. Film Festival
Motovun - Film Festival
Jihlava Documentary Film Festival
Brisbane - Int. Film Festival
Helsinki - Avanto Media Art Festival
Prag - One World Festival
Ghent - Zone Doc. Festival
Bratislava - int. Film Festival
Seoul - EXis (Experimental Film- & Videofestival) (The Film Award)
2006
Nashville Film Festival
2007
Brighton - Cinecity Film Festival