Uncomfortably Comfortable

Brooklyn, New York. Eine Vereinbarung zwischen Filmemacherin und Protagonisten. Ein Fragebogen. Der Film als Projekt beidseitigen Interesses. “I want to see what can develop with your artistic abilities and my circumstances as much, if not more than you!”. Reflexionen über Verletzlichkeit und Deutungsmacht. Was bringt dich zum Weinen? Rassismus. Marc Thompson spricht über Unausweichlichkeiten in einem rassistischen System. Über die Funktion von Gefängnismauern strukturelle Gewalt unsichtbar zu halten. Über das Stigma von Wohnungslosigkeit, die Scham über Vergangenes und das (Um)Schreiben der eigenen Geschichte. Nach siebzehn Jahren Haft ist das Leben in einem befestigten Wohngebäude für Marc über weite Strecken des Films nicht mehr vorstellbar. Die Abhängigkeiten, die eine Wohnung mit sich bringt, sind zu belastend. Ökonomisch und persönlich. Leben im Auto, fahren zu können bedeutet Unabhängigkeit und Freiheit. “Alone in Motion. Living in A Jeep.” Marcs Stimme navigiert aus dem Off. Er teilt Beobachtungen, prosaische Momente und Fragmente von Erinnerung und Traumata. Alleine in Bewegung. Was sind die Bedingungen von Einsamkeit? Routinen und Brüche - Rituale im Fitnesscenter, im Waschsalon, Autoreparaturen, ein kurzer Krankenhausaufenthalt. Vereinzelt blitzen Bilder von Zugehörigkeit und Vergangenheiten abseits des Alltäglichen auf. Es artikuliert sich Sehnsucht - nach Verbindung, nach Teilhabe, nach Bewegung - nach Leben. Klar, ruhig und angespannt, inmitten einer lauten, schnellen Stadt. Was sichtbar wird, bleibt eine Frage der Exposition, ein ständiger Ausverhandlungsprozess. Textnachrichten oder analoge Äquivalente am Fahrradlenker, Verabredungen in der Bibliothek, gemeinsame Fahrten durch die Stadtlandschaft, der Film wird getragen von Beziehung. Ein experimentelles und poetisches Portrait, das Anteil an einer autonomen Zeitlichkeit ermöglicht und seinem Protagonisten die präzise Regulation von Nähe und Distanz erlaubt. (Djamila Grandits)


Im Frühling 2018 lernte Maria Petschnig Marc Thompson kennen, nachdem sie ihn immer wieder in ihrer Brooklyner Nachbarschaft antraf. Marc erzählte ihr das er bereits über ein Jahr in seinem Auto lebte, und das aus eigener Entscheidung, trotz eines fixen Jobs. Das Gym ums Eck frequentierte er für die tägliche Dusche und nebenbei verfasste er Prosa. Marc, 58, wuchs in New York City auf, war insgesamt über 17 Jahre inhaftiert, und seine freiwillige Obdachlosigkeit hat sowohl psychologische wie ökonomische Gründe. Die Künstlerin begann, über den Zeitraum eines Jahres sein Leben, seinen Alltag und seinen Existenzkampf aufzuzeichnen, sowie in Gesprächen Marcs Ängste, Gedanken zur Welt bzw. Gesellschaft, etc. festzuhalten. Im Herbst verlor er sein Auto und verbrachte die Nächte in der U-Bahn. 

Uncomfortably Comfortable ist ein experimentelles Video (Portrait) das Fragen zu Wohnungslosigkeit, und den Auswirkungen von Inhaftierung und Trauma stellt, sowie auch Freundschaft, Rassismus und ein Leben am Rande der Gesellschaft thematisiert. (Produktionsnotiz)

Orig. Titel
Uncomfortably Comfortable
Jahr
2021
Länder
USA, Österreich
Länge
72 min
Kategorie
Dokumentarfilm
Orig. Sprache
Englisch
Credits
Regie
Maria Petschnig
Konzept
Maria Petschnig
Kamera
Maria Petschnig
Ton
Maria Petschnig
Schnitt
Maria Petschnig
Tonmischung
Guisburg
Produktion
Maria Petschnig
Mitwirkende/r
Marc Thompson
Verfügbare Formate
Digital File (prores, h264) (Distributionskopie)
Festivals (Auswahl)
2021
Duisburg - Duisburger Filmwoche (ARTE-Dokumentarfilmpreis)