Endphase

Erinnerungsarbeit scheitert häufig an der Sorge, sich in der eigenen Region Feinde zu machen. Daher müssen die Nachgeborenen den Mut aufbringen, unbequeme Fragen zu stellen. Im niederösterreichischen Hofamt Priel ist das der Filmemacher und Fotograf Hans Hochstöger, der daraus einen Dokumentarfilm dreht, der einer der letzten seiner Art sein wird: ein Oral History-Projekt, Spurensuche nach einem fast vergessenen Massaker, bei der Zeitzeug*innen ihre Version von Erinnerung aus dem Jahr 1945 schildern. Dabei findet er zusammen mit seinem Bruder Tobias, einem Politikwissenschafter, sanfte Berichte der Betroffenen ebenso wie die Banalität des Bösen, die Hannah Arendt beschrieben hatte, zudem aber auch Fragmente des Guten.  

Wenn ein Überlebender mit zitternder Hand auf einer Tafel die eingravierten Namen der Ermordeten berührt und zu jedem Namen eine persönliche Geschichte hat, entfaltet Endphase schon in den ersten Minuten eine Kraft, die nahezu ohne Inszenierung auskommt. Regie, Kamera und Schnitt hören respektvoll zu und warten ab, was den Sich-Erinnernden nach so langer Zeit einfallen will. Dazwischen Fotos aus einer glücklicheren Zeit, vor dem Massaker vom 2. Mai 1945. Die heute noch von jener Nacht erzählen können, tun dies erschüttert, aber sie alle hatten damals – auch das zeigt der Film – ihre eigenen Sorgen, eigene Ängste. So wurde die Ermordung von 228 ungarischen Juden und Jüdinnen ganz kurz vor Kriegsende für sie zum verschwommenen Eindruck. Wer mehr wusste, schwieg.  

Die Wahrheit, der Hans Hochstöger nachgeht, stellt sich als Plural heraus, weil sich nicht alle an dasselbe erinnern können (wollen) und die letzten Wissenden nicht mehr am Leben sind. Gerade noch rechtzeitig, zugleich für einige Zeug*innen zu spät, findet diese Suche statt nach dem, was nicht in den Geschichtsbüchern steht. Hochstöger forscht weiter, gibt jahrelang nicht auf. Dementsprechend kommen die Brüder der Wahrheit schließlich recht nahe, bis sie wieder auf Gleichgültigkeit stoßen, auch bei späteren Generationen, weil man sich nicht vorstellen will, dass die Kriegsverbrecher normale Bürger*innen waren, die das regionale Miteinander geprägt haben. (Daniela Ingruber)


Endphase erzählt die Geschichte eines der letzten Massaker des zweiten Weltkriegs. In der Nacht vom 2. Mai 1945, weniger als eine Woche vor Ende des Krieges, wurden 228 jüdische Frauen, Kinder und alte Männer aus Ungarn in der kleinen österreichischen Gemeinde Hofamt Priel von bis heute unbekannten Tätern ermordet. Es kan nie zu einem Prozeß. Vor Ort erinnerte lange nichts an die Tat.

Endphase ist eine Reise in die Vergangenheit der benachbarten Gemeinden Persenbeug und Hofamt Priel, in denen die Brüder Hans und Tobias Hochstöger aufwuchsen. Auf der Suche nach einer Erklärung für das Geschehen suchen sie nach den letzten lokalen Augenzeugen und finden schliesslich Angehörige der Opfer in Ungarn und den letzten Überlebenden in Israel.

Alle - Überlebende, Angehörige der Opfer und Zeitzeugen vor Ort müssen mit einer schrecklichen Erinnerung umgehen und haben 75 Jahre lang über die Ereignisse geschwiegen. (Produktionsnotiz)

Orig. Titel
Endphase
Jahr
2021
Land
Österreich
Länge
86 min
Kategorie
Dokumentarfilm
Orig. Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Downloads
Endphase_01 (Bild)
Endphase_04 (Bild)
Endphase_06 (Bild)
Credits
Regie
Hans Hochstöger
Kamera
Richard Bayerl
Musik
Victor Gangl
Schnitt
Christin Veith
Ton
Horst Schnattler
Recherche
Tobias Hochstöger
Produktion
Hans Hochstöger
Verfügbare Formate
Festivals (Auswahl)
2021
Berlin/ Brandenburg - Jüdisches Filmfestival JFBB (Preis für interkulturellen Dialog)
Linz - Crossing Europe Film Festival