Dirndlschuld

Für manche ist das Dirndl nur ein hübsches, buntes Kleid mit Schürze, für andere eine lebenslange Konfrontation. So wie Kleidungsstücke, sind auch Orte kontaminiert, die durch die Familiengeschichte unterschiedliche Narrative erfahren. Jede Generation hat ihre eigene Lesart, die sich wie Schichten so lange überlagern, bis niemand mehr weiß, oder wissen kann, was eigentlich darunter ist. Der Super-8 Film taucht ein in die augenscheinliche Magie des Grundlsees und gibt den Blick frei auf tiefere Schichten. (Produktionsnotiz)

 

Der Grundlsee in der steirischen Ausseer Gegend gilt als ein besonders idyllischer Ferienort. Österreich zeigt sich hier in der ganzen Schönheit seiner Natur. Wer sich am Grundlsee erholen will, trägt oft auch gern Tracht: ein Dirndl für die Frau, eine Hirschlederne für den Mann. So kann man sich als Lokalpatriot zeigen, auch wenn man aus Deutschland oder sonstwoher kommt. Die „alpenländische Kleidung“, von der die Nazis nach dem Anschluss sprachen, war aber häufig auch umstritten. Ein berühmtes Foto, das Sigmund Freud und seine Tochter in Südtirol zeigt, er im Jagdanzug, sie im Dirndl, wäre 1938 nicht mehr möglich gewesen. Denn die Nazis erließen ein Verbot für Juden, österreichische Tracht zu tragen.
Wilbirg Brainin-Donnenberg zeigt das Bild der Freuds ganz kurz in ihrem Film Dirndlschuld, in dem sie sich auf eine sehr persönliche Weise mit Vorstellungen von authentischer österreichischer Erscheinung und mit „ideologischen Schwierigkeiten“ befasst, die beim Tragen eines Dirndls entstehen könnten. Ihre Tochter, die im Film auch wie ein Modell fungiert, trägt das Kleidungsstück unbefangen, sie hat solche Schwierigkeiten nicht. Und auch ihr Mann Joe möchte sich das Sommererlebnis nicht durch „Gesinnungskleidung“ verleiden lassen, denn er „ist verrückt nach dem Grundlsee“. Die Landschaft erscheint in Super-8-Aufnahmen von Urlaubsfotografien. Die Bilder zeigen somit ein Sommeridyll zweiter Ordnung, mit prächtigen, aber auch unwirklichen Farben und Stimmungen und einer Szenerie, die an Landschaftsmalerei erinnert. Mit ihrer ruhigen Stimme aus dem Off legt Wilbirg Brainin-Donnenberg zu diesen Bildern in Dirndlschuld die Spuren ihrer eigenen Familiengeschichten frei, die sich als repräsentativ für den österreichischen Umgang mit der Vergangenheit erweist. Der wie naiv in das Titelinsert gestickte Begriff einer Dirndlschuld verweist darauf, dass sich in der scheinbar unschuldig schönen österreichischen Kulturlandschaft abgründige Geschichte verbirgt. (Bert Rebhandl)

Trailer
Orig. Titel
Dirndlschuld
Jahr
2021
Land
Österreich
Länge
15 min
Kategorie
Dokumentarfilm, Experimental
Orig. Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
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Credits
Regie
Wilbirg Brainin-Donnenberg
Drehbuch
Wilbirg Brainin-Donnenberg
Kamera
Wilbirg Brainin-Donnenberg
Ton
Atanas Tcholakov
Schnitt
Wilbirg Brainin-Donnenberg
Technische Assistenz
Stefanie Weberhofer
Stimme
Wilbirg Brainin-Donnenberg
Mitwirkende/r
Anna Brainin
Mit Unterstützung von
Stadt Salzburg - Kultur, Bildung und Wissen / Martina Greil, Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport / Federal Ministry for Arts, Culture, the Civil Service and Sport, Barbara Fränzen
Verfügbare Formate
DCP 2K flat (Distributionskopie)
Bildformat
1 : 1,19
Tonformat
5.1 surround
Bildfrequenz
24 fps
Farbformat
Farbe, s/w
Festivals (Auswahl)
2021
Graz - Diagonale, Festival des österreichischen Films
2022
Jeonju - International Film Festival
Tel Aviv - DOCAviv Documentary Film Festival
Nijmegen - Go Short Film Festival
Berlin - Intern. Filmfestspiele Berlinale - Shorts