CONFERENCE
Mit CONFERENCE (2025), erneut in 35-mm Cinemascope gedreht, bereichert Björn Kämmerer nach Filmen wie Gyre (2009) oder ARENA (2017) sein vielfältiges Werk um ein weiteres, neuartiges „Ringelspiel“: ein stummes, spannungsgeladenes Drama der Blicke rund um ein Lagerfeuer, eine Szene wie aus einem fiktiven Western (oder Ostern). Erstmals setzt Kämmerer Darsteller ein und mit ihnen inszeniert er subtile physiognomische Duelle, die den Film zum aufregenden Perpetuum mobile hochschrauben, einer utopischen Maschine, angetrieben vom verborgenen, auf ihren Gesichtern zu entziffernden Inneren von drei ohne Rast ums Licht Rotierenden. (Thomas Korschil)
Im Match Cut der Augenblicke
Beide verstellen sich und verbergen ihr eigentliches Gesicht hinter gemachten Mienen. Und einer will hinter die Maske des anderen kommen. Und indem sie mit Mienen angreifen und Mienen parieren, will jeder beim Gegner einen verräterischen Gesichtsausdruck provozieren.
In CONFERENCE, wo drei sich jeweils paarweise gegenübersitzende Männer um ein Holzfeuer kreisen, dessen Flackern ihre Gesichter warm aus der sonst gänzlich leeren, nachtschwarzen Szene heraushebt, inszeniert Björn Kämmerer physiognomische Duelle, wie Béla Balázs eines vor mehr als 100 Jahren beschrieben hat. Die ohne Halt ums Licht rotierenden Darsteller, die der Filmemacher hier erstmals einsetzt und von denen man nicht weiß, worauf sie sitzen, oder ob sie gar über dem Boden schweben, sind in sich nahezu bewegungslos. Niemand spricht, kaum jemand regt eine Miene, alle blicken.
Wie bereits frühere Arbeiten in Kämmerers seit über zwei Jahrzehnten beständig wachsendem, in vielem mutig unzeitgemäßen Werk ist CONFERENCE auf 35-mm-Film im Breitwandformat Cinemascope gedreht und tonlos. Im Unterschied zu anderen, oft in einer einzigen Einstellung realisierten Filmen – in denen der Künstler schon eine Holzhütte, Bündel von Fensterflügeln oder auch eine ganze Theatertribüne rotieren ließ – ist die Drehbewegung hier diskontinuierlich und ihre Herkunft dadurch uneindeutig. Einheitlich lange Segmente (je 2 Sekunden) und eine gleichbleibende, nur gegen Ende variierte Abfolge der drei Männer (die sich ähnlich sehen und die erst voneinander zu unterscheiden sind) ergeben einen gemächlichen 4/4-Takt (♩= 30), langsam genug, um dem vielschichtigen Drama dieser sprachlosen Unterredung nachzuspüren, das sich aus subtilen Transformationen einer zunächst repetitiven Anordnung entwickelt.
Die Montage fragmentiert den Kreis und verwandelt die konventionelle, binäre Schuss-Gegenschuss-Struktur zur komplexen Figur. Nicht eigentlich die Kamera, die zwar von leicht verschobenen Standpunkten und aus unterschiedlichen Distanzen auf das Geschehen blickt, wechselt die Perspektive, sondern die Personen springen im Schnitt auf die jeweils gegenüberliegende Seite des Zirkels. Starren anfangs zwei eine gute Weile nur ins Feuer (vor dem sich vorne silhouettierte Rückenteile durchs Dunkel schieben), können beide sich dem insistierenden An-Blick des stets zwischen sie geschalteten Dritten auf Dauer nicht entziehen. In der Erwiderung der Blicke nimmt das Ensemble von Mensch und Mechanik zügig Fahrt auf, bald schaut ein jeder vom jeweils Zweiten zum Dritten, sodass sie alle zusammen, ohne je zugleich im selben Bild zu sein, einen virtuellen Kreis des Blickens und Angeblicktwerdens bilden. In mehrfacher Triangulierung miteinander verkettet, scheinen sich alle gegenseitig zu belauern, wie in Erwartung von entlarvenden Äußerungen der Gegenüber, die Aufschluss geben würden über deren jeweilige Gedanken oder Absichten.
Was ist passiert oder wird vielleicht alsbald passieren rund um diese angespannte Lagerfeuerromantik im ernsten Grave-Tempo? Schwebt etwas Bedrohliches zwischen den Männern mit ihren forschenden Mienen, die nichts zu verraten scheinen wollen, denen aber immer wieder, bewusst oder unbewusst, Mikrobewegungen entwischen (Details, die Kämmerer aufklaubt und aus denen er sein Schauspiel inszeniert), auf die die anderen ihrerseits reagieren müssen und die auch wir als Zuseher:innen mitzulesen versuchen? Vielleicht als Verrat, Misstrauen, Betrug oder Enttäuschung?
Im Rückgriff auf einen frühen Modus des Kinos schafft Kämmerer mit CONFERENCE erneut ein aufregendes (Schein-)Perpetuum mobile, eine utopische Maschine, die vorgibt, Energie wie aus dem Nichts zu erzeugen und gleichzeitig versucht, ihren eigenen, ihr selbst nicht genau bekannten, inneren Antrieb zu ergründen. Er erinnert dabei auch an Bela Balázs’ Hoffnung an den – erst nachträglich, aus der Ton-Perspektive so bezeichneten – Stumm-Film als eigenständige, von der Sprache der Literatur und des Theaters befreite Kunst, die das Sehen revolutionieren und den Gesichtern und Körpern ihren unmittelbaren physiognomischen und als solchen beredten Ausdruck zurückgeben sollte. (Thomas Korschil)
Zitat aus: Béla Balázs, Der sichtbare Mensch, Frankfurt am Main 2001 [Wien 1924], 48.
CONFERENCE
2025
Österreich
9 min