CONFERENCE
Im Match Cut der Augenblicke
Zu Conference von Björn Kämmerer (2025)
…indem sie mit Mienen angreifen und Mienen parieren, will jeder beim Gegner einen verräterischen Gesichtsausdruck provozieren.
In Conference, wo mehrere sich jeweils paarweise gegenübersitzende Männer um ein Holzfeuer kreisen, dessen Flackern ihre Gesichter warm aus der sonst gänzlich leeren, nachtschwarzen Szene heraushebt, inszeniert Björn Kämmerer physiognomische Duelle, wie Béla Balázs eines vor mehr als 100 Jahren beschrieben hat. Die ohne Halt ums Licht rotierenden Darsteller, die der Filmemacher hier erstmals einsetzt und von denen man nicht weiß, worauf sie sitzen, oder ob sie gar über dem Boden schweben, sind in sich nahezu bewegungslos. Niemand spricht, kaum jemand regt eine Miene, alle blicken.
Wie frühere von Kämmerers Arbeiten ist Conference auf 35-mm in Cinemascope gedreht und tonlos. Im Unterschied zu anderen, oft in einer einzigen Einstellung realisierten Filmen, ist die bestimmende (Dreh-)Bewegung hier allerdings diskontinuierlich. Die ebenmäßige Montage segmentiert den Kreis und verwandelt die binäre Schuss-Gegenschuss-Struktur zur komplexen Figur: Nicht die Kamera wechselt, wie üblich, die Perspektive, sondern die sich ums Feuer bewegenden Personen springen im Schnitt auf die jeweils gegenüberliegende Seite.
Starren zwei der drei Männer – die als solche, als drei verschiedene, erst mit der Zeit zu unterscheiden sind – anfangs lange ins Feuer, können beide sich dem insistierenden An-Blick des stets zwischen sie geschalteten Dritten auf Dauer nicht entziehen. In der Erwiderung der Blicke nimmt das Ensemble von Mensch und Mechanik zügig Fahrt auf, einer nach dem anderen schaut vom jeweils Zweiten zum Dritten, sodass sie alle zusammen, ohne je zugleich im selben Bild zu sein, einen virtuellen Kreis des Blickens und Angeblicktwerdens bilden. Derart miteinander verkettet belauern sich alle gegenseitig, wie in Erwartung von entlarvenden Äußerungen der Gegenüber, die Aufschluss geben würden über deren jeweilige Gedanken oder Absichten.
Was ist passiert oder steht kurz bevor in diesem langsam aber stetig Spannung aufbauenden Drama mit Lagerfeuerromantik? Etwas Bedrohliches schwebt zwischen den sprachlos sich unterhaltenden Männern, deren nur mikrotonal sich wandelnde Mienen mehr verbergen als sie preisgeben und in denen sie gegenseitig zu lesen versuchen. Ist es Misstrauen, Verrat, Enttäuschung, was wir zu erkennen meinen?
Im Rückgriff auf einen frühen Modus des Kinos schafft Kämmerer mit Conference erneut ein aufregendes (Schein-)Perpetuum mobile, eine utopische Maschine, die vorgibt, Energie wie aus dem Nichts zu erzeugen und dabei gleichzeitig ihrem eigenen, ihr selbst nicht genau bekannten, inneren Antrieb nachforscht. (Thomas Korschil)
Zitat aus: Béla Balázs, Der sichtbare Mensch, Frankfurt am Main 2001 [Wien 1924], 48.
CONFERENCE
2025
Österreich
9 min