market sentiments

Satellitenbilder von Landschaften: Ist die Distanz groß, erkennt man Küstenformationen, kann Flussläufe verfolgen. Ist sie geringer, lassen sich Laub- und Nadelwälder unterscheiden, Feldwege und Straßen, Sumpfwiesen und Äcker. Das gedämpfte Grün und Braun der weitgehend unbebauten Natur vermittelt Ruhe. Doch zur melancholischen Orchestermusik von Arvo Pärt schieben sich alsbald grellrote und gelbe Linien über die Flächen, zerteilen sie und nehmen dabei wenig Rücksicht auf bestehende Formationen.
Dieser rhythmische Vorgang, der entlang eines musikalischen Accelerando und Crescendo auch die Landschaften immer schneller, mit immer dichteren, abstrakten Mustern überzieht, ist zugleich wunderschön anzusehen und - eingedenk des Titels - eine traurige Sache.
Market Sentiments ist ein Fachbegriff aus der Wirtschaft, der eine gewisse Grundstimmung bezeichnet, die Investoren veranlasst oder davon abhält, Geld in einem Gebiet anzulegen. In Estland, jenem 1991 in die Selbstständigkeit entlassenen ehemaligen Teilgebiet der Sowjetunion, ist die Investitionsstimmung aufgrund marktliberaler Gesetze "euphorisch". Die Linien beruhen auf tatsächlichen Katasterplänen von verkauften oder zum Verkauf stehenden estnischen Gründen.
Musils vierminütige Animation market sentiments greift diesen abstrakten, scheinbar statischen Sachverhalt auf und überführt ihn wieder in die Bewegung, die er im Grunde ist: In seiner kleinen und präzisen Form macht dieser Film das Drängen des Marktes sichtbar - und bezieht so, mit ureigenen Mitteln, politisch Stellung.
"Beim Anblick großer Wald- und Moorflächen", sagt Barbara Musil, "kann ich schwer daran denken, dass es sich dabei um Besitz einzelner, eigentlich überhaupt um Besitz handelt." Market sentiments hilft ihrem und unserem eigenen Vorstellungsvermögen auf die Sprünge und zeigt die rapide Besitz-Werdung der Welt.

(Maya McKechneay)


Die grellroten und gelben Linien, die sich in Barbara Musils vierminütiger Animation über Landschaften in Estland schieben, beruhen auf tatsächlichen Katasterplänen von verkauften oder zum Verkauf stehenden Gründen. Dem euphorischen market sentiment der Investoren steht die melancholische Musik des – ebenfalls estnischen – Komponisten Arvo Pärt gegenüber. Die Zerschneidung der Landschaft, die ihre Besitz-Werdung markiert, macht das Drängen eines abstrakten Marktes sichtbar.

(Crossing Europe Film Festival, 2008)

Weitere Texte

director's statement

market sentiments
Video, Animation 2007

Das Video market sentiments basiert auf einer im Rahmen einer Residency in Tallinn durchgeführten Recherche zum Investitionsboom am estnischen Immobilienmarkt.
Den aktuellen ultrapositiven „market sentiments“ der Investoren und Spekulanten setzt diese Videoarbeit/Animation ein bewegtes Stimmungsbild vom anderen Ende der Gefühlsskala entgegen:
Melancholie, Traurigkeit und Sentimentalität vermitteln Bild und Ton der animierten Collage aus Orthofotos und Katasterplänen von zum Verkauf stehenden Landflächen in Estland. Zugleich mit der Problematik des Ausverkaufs von Land und Natur wird auf der formalen Ebene die charakteristische Ästhetik des verwendeten Bildmaterials
verhandelt.

The Movie market sentiments is based on research about the real estate boom in Estonia. „Market sentiments“ are extremely positive, and Investors are as happy as they can be, due to the rising prices for land and houses. This movie adds another perspective to the global positive mood, and represents a sentiment, not really useful in case one wants to make big business and money.
With its melancholic and sentimental atmosphere the film refers to the problematic side of capitalism and growth, the ignorant sale of land, apparently without any sensible limits. Parallel to the real political topic the film is also experimenting with the characteristic aesthetics of ortho-photography and land cadaster-plans.
All used materials represent existing land plots in Estonia that are currently for sale.
Orig. Titel
market sentiments
Jahr
2007
Länder
Estonia, Austria
Länge
4 min
Kategorie
Animation/Pixilation
Orig. Sprache
Kein Dialog
Downloads
Credits
Regie
Barbara Musil
Konzept & Realisation
Barbara Musil
Musik
Arvo Pärt
Verfügbare Formate
Betacam SP PAL (Distributionskopie)
Bildformat
4:3
Tonformat
Stereo
Bildfrequenz
25 fps
Festivals (Auswahl)
2007
Ljubiljana Animateka - Int. Animation Film Festival
2008
Saarbrücken - Filmfestival Max Ophüls Preis
Wien - Tricky Women / Animationsfilmfestival
Albuquerque - Experiments in Cinema
New York Underground Film Festival
Wien - VIS Vienna Independent Shorts
Bochum - Videofestival
Grimstadt - Kortfilmfestivalen
Vila do Conde - Festival Internacional de Curtas-Metragens
Sao Paolo - Short Film Festival
Belgrad - Balkanima Anim. Film Festival
Istanbul - Int. Short Film Festival
Linz - Crossing Europe Film Festival
Toronto - Regent Park Film Festival
2009
Vilnius - Tindirindis International Animated Film Festival
Dortmund - femme totale - Int. Frauenfilmfestival
Berlin - Transmediale (Festival for digital art)
Ann Arbor - Film Festival