In Person & Carte Blanche: Josef Dabernig

Mi 14. Oktober 2026 - Mi 21. Oktober 2026 21:00
Österreichisches Filmmuseum

Kurz nach seinem 70. Geburtstag feiern wir den österreichischen Künstler Josef Dabernig mit einer Gesamtschau seines filmischen Werks, erweitert um eine Carte blanche und einen Einblick in seine Arbeit in anderen Sparten, u.a. durch Lese-Performances und Dia-Projektionen. Denn die insgesamt 22 Kurzfilme, die Dabernig seit Mitte der 1990er realisiert hat – eine Handvoll davon in Kollaboration mit anderen Künstler*innen – stellen mit ihrer Präsenz auf Festivals und in Ausstellungsräumen zwar den bekanntesten Teil seines Schaffens dar, gehören aber zu einem medienübergreifenden Werkkomplex, auf den schon der Untertitel der ersten Monografie zu Dabernig verwies: Film, Foto, Text, Objekt, Bau. Dabernig kam 1975 zum Studium der Bildhauerei nach Wien, und seine Arbeit mit Bewegtbildern ist auch deren Weiterführung in "räumlichen Skulpturen". Gleichzeitig sind diese bei aller strukturellen Klarheit aber auch Spiel-Filme im eigentlichen Sinn: eben keine rein abstrakte Konzeptkunst, sondern tragikomische Miniaturen. Mit unverwechselbarer Lakonie präsentiert Dabernig darin Situationen voll absurden Humors und Melancholie, die mit biografischen Bezügen angereichert sind und ästhetische wie private Interessen – von der Architektur bis zur Süßspeise – erforschen. (Christoph Huber) mehr

Eine Kooperation zwischen Österreichischen Filmmuseum, sixpackfilm und der Kontakt Sammlung*

*Die Kontakt Sammlung ist ein unabhängiger gemeinnütziger Verein mit Sitz in Wien. Ihr Zweck ist die Unterstützung und Förderung von Kunst aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa.

Alle Programme in Anwesenheit ovn Josef Dabernig und weiterer Filmschaffender.
Moderationen: Christoph Huber / Gerald Weber

Programm 1: Filme 2013–2024

Mittwoch, 14. Oktober 2026, 18h

Panorama (Diagonale Trailer), AT 2013, DCP, Farbe, 1 min
Zlaté Piesky Rocket Launch, AT 2015, 35mm, sw, 10 min
Stabat Mater AT/CH/DE 2016, 35mm, sw, 16 min
Heavy Metal Detox AT 2019, 35mm, sw, 12 min
All the Stops AT 2020, DCP, Farbe, 16 min
Pastry Friday AT 2022, 35mm, sw, 12 min
Lacrimosa AT 2024, DCP, sw, 11 min
 
In Dabernigs jüngsten Arbeiten zeigt sich seine tragikomische Beobachtungsgabe in geklärter Vollendung. So kontrastiert Zlaté Piesky Rocket Launch ironisch Raketenstart-Kinderspiel und erwachsene Simulationsfaszination im heruntergekommenen Bratislaver Hotel zu polnischem Hip-Hop und schildert Pastry Friday einen scheinbar ereignislosen Post-Corona-Freitagnachmittag in der mährischen Flachbau-Konditorei, der melancholisch im Regen absäuft. Solche Tonlagen sind bei Dabernig wohlvertraut, aber es geht immer auch ganz anders, wie die Zahnarztbesuch-Schwarzweißmalerei Heavy Metal Detox demonstriert: Plombenentfernungsunbehagen, am eigenen Mund erforscht. (C.H.)

Programm 2: Filme 1991–2011

Freitag, 16. Oktober 2026, 18h

Petržalka 1991, Dia-Projektion, ca. 3 min
Rosa coeli AT 2003, 35mm, sw, 24 min. Deutsch
Hotel Roccalba AT 2008, 35mm, sw, 10 min
excursus on fitness AT 2010,  DCP, sw, 12 min
Herna AT 2010, 35mm, sw, 17 min. Deutsch
Hypercrisis AT 2011, 35mm, Farbe, 17 min
 
Dabernigs Dias der gewaltigen Plattenbausiedlung in Bratislava liefern den Auftakt zu einem Programm mit einigen Hauptwerken. Bei der Erinnerungsreise Rosa coeli und der Spieler-Studie Herna kontrastieren Dabernigs klare Bilder reizvoll mit den gedrechselten Texten Bruno Pellandinis. Im Hotel Roccalba versammelt sich die erweiterte Familie zum Nebeneinander (statt zum Miteinander) und beim excursus on fitness zelebriert ein Teil davon Selbstoptimierung unter Aufsicht. Hypercrisis folgt einem krisengeschüttelten Schriftsteller im historischen armenischen Erholungsheim (vor dessen Umbau): eine große Architekturstudie als kleine Kreativblockadenkomödie. (C.H.)

Programm 3: Filme 1989–2024

Samstag, 17. Oktober 2026, 18h

Ticket Content 1989–2024, Performance, ca. 30 min
Wisla AT 1996, 16mm, sw, 8 min
Jogging AT 2000, 16mm, sw, 10 min
Parking AT 2003, 16mm, sw, 6 min
Lancia Thema AT 2005, 35mm, Farbe, 17 min
 
Dabernigs Interesse an Fußball wird in der Performance Ticket Content auf überraschende Weise ausgewertet und war auch Ausgangspunkt für sein gefeiertes Solodebüt Wisla. In Jogging wird ein futuristisches Stadion angesteuert, was die Spur zu einem anderen Themenkreis legt: Autos. In Parking steigt man für ein absurdes BDSM-Ritual aus, im schön traurigen Italo-Roadmovie Lancia Thema für ignorante Selbstbilder. Dabernigs Humor funktioniert aber auch im Speisewagen, wo sich das Personal ohne Gäste beschäftigen muss: WARS zeigt Stillstand in Bewegung. (C.H.)

Programm 4: Kooperationen

Sonntag, 18. Oktober 2026, 18h

Gehfilmen 6 Thomas Baumann, Josef Dabernig, Martin Kaltner, AT 1994, 16mm, sw, 17 min
Timau Josef Dabernig, Markus Scherer, AT 1998, 16mm, sw, 20 min
automatic Josef Dabernig, G.R.A.M., AT 2002, 16mm, sw, 7 min
Aquarena Josef Dabernig, Isabella Hollauf, AT 2007, 35mm, Farbe, 19 min. Deutsch
 
Dieses Programm versammelt die in Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen entstandenen Dabernig-Filme: In Gehfilmen 6 marschierte er für Thomas Baumann und Martin Kaltner auf geheimnisvoller Mission – sein Einstieg ins Kino. In Timau wird ein Trio auf den Berg und durch eine dunkle Höhle geschickt: Die seltsame Tour entpuppt sich in einer absurden Dabernig-Pointe als Routinewartungsauftrag. In automatic betätigen sich drei Autofahrer obsessiv zu geilen Electro-Beats und sitzen doch fest. Aquarena ist ein ironischer Beziehungs- (und Architektur)film mit Partnerin Isabella Hollauf: Getrennt schwimmen zum Leipziger Stadtordnungs-Rezitat. (C.H.)

Programm 5: Carte Blanche

Montag, 19. Oktober 2026, 18h

La ricotta (Der Weichkäse) Pier Paolo Pasolini, IT/FR, 1963, 35mm, Farbe und sw, 35 min. Italienisch mit dt. UT*
Auto Metzker Story Christian Giesser, AT 2014. DCP, Farbe, 28 min. Deutsch
Sea Concrete Human (Malfunctions #1) Michael Palm, AT 2001, 35mm, Farbe und sw, 29 min. Englisch
 
Ein kreativer Dreiklang. Pasolinis Kurzfilm-Meisterwerk La ricotta spielt am Set eines Bibelfilms, wo ein armer Statist verzweifelt versucht, Essen für seine Familie aufzutreiben: die sarkastische Mischung aus Absurdität und Tragik ist nah an Dabernigs Kosmos. Dazu zwei Filme von wichtigen Daberning-Mitgestaltern: Christian Giesser, kongenialer Kameramann seit 1998, hat mit der Auto Metzker Story eine hinreißende Dokumentation über die legendäre Autoverwertung und Ersatzteilhandlung in Vösendorf inszeniert. Sound Designer Michael Palm ist selbst etablierter Filmemacher: Sea Concrete Human zeigt menschenleere Landschaften als "Dokumentarmaterial" aus der Zeit nach der Apokalypse, kommentiert von einer blechernen Computerstimme. Eine rätselhafte Miniatur voller untergründigem Humor. (C.H.)

Programm 6: Filme 1989–2024

Mittwoch, 21 Oktober 2026, 18h

Einfluss der Darmgifte auf das Auge 2016/26, Lese-Performance, ca. 10 min
Proposal for a New Kunsthaus, not further developed 2004, kommentierte Dia-Projektion, ca. 10 min
Panoramen work in progress seit 1989, Buchkonzept in 365 Tafeln als HD-Video, ca. 20 min
River Plate AT 2013, 35mm, sw, 16 min
Gertrud & Tiederich AT 2018, DCP, sw, 10 min. Deutsch
Lacrimosa AT 2024, DCP, sw, 11 min. Deutsch
 
Die ersten drei Programmpunkte stellen Dabernig-Projekte aus anderen Kunstsparten vor: eine Lesung aus einem seiner frühen "Abschreibprojekte", kommentierte Dias zum Unwesen moderner Museumsarchitektur (mit Arbeits- und Urlaubsanekdoten) und eine Vorstellung seiner langjährigen Arbeit mit Panoramafotografien. Dazu drei charakteristisch doppelbödige Filme: der Badeausflug River Plate mit seinen buchstäblichen Körper-Teilen, die Kunstsammlungs-Kontemplation Gertrud & Tiederich und – ebenso liturgisch, aber ganz anders – eine merkwürdige Begräbniszeremonie in seinem letzten Film Lacrimosa. Kunstwerke aus der strengen Kammer des Existenzialismus. (C.H.)

Österreichisches Filmmuseum
Augustinerstraße 1
1010 Wien

Kartenreservierungen: 533 70 54 oder online: filmmuseum.at